Juwelen in der Schale

1. Juli 2005, 14:34
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In Taipeh findet der Tourist quirlige asiatische Betriebsamkeit - und das höchste Gebäude der Welt

Mit Vornamen heißt Herr Wong Dieter. Natürlich nur für die deutschsprachigen Reisegruppen. Für die italienischen ist er Valentino, und wenn die Spanier kommen, dann schaltet er auf Fernando um. Jetzt aber, vor dieser Schar österreichischer Journalisten, ist es definitiv der Dieter, der in dem mit lindgrünen Vorhängen ausgekleideten Reisebus sachkundig in die Sehenswürdigkeiten von Taipeh einweist.

Das majestätische Gebäude auf dem Hügel, das mit seiner ausladenden Dachkonstruktion wie ein gigantischer Tempel wirkt, ist das Grand Hotel, das erste Haus am Platze, erklärt Dieter in sonorem Englisch. 1995 niedergebrannt, aber jetzt größer, schöner und imposanter wieder aufgebaut, mit einem 1500 Plätze umfassenden Ballsaal im obersten Stock, von dessen Decke aus ein Feng-Shui-Drache mit einer rötlich glänzenden Metallkugel im Maul über das Wohl der Gäste wacht.

Die wechselnden Namen von Fremdenführer Wong sind nur ein Indiz dafür, dass man sich auf der umtriebigen Insel vor dem chinesischen Festland längst nicht mehr nur auf Businessreisende eingestellt hat, sondern auch auf Touristen, die in Taiwan abgelegene Bergregionen und tollkühn geschwungene Küstenstraßen ebenso finden können wie sonnige Badestrände. Aber auch die Eiligen, die nur Taipeh als Stop-over-Destination anfliegen, werden sich nicht langweilen.

Taipeh ist eine asiatische Metropole mit quirligem Lebensgefühl, einer bemerkenswerten gastronomischen Vielfalt und einem ganz besonderen Atout für Rekordliebhaber: In der Shi Fu Road reckt sich mit dem "Taipeh 1-0-1" (sprich: Wan-Ou-Wan) das höchste Gebäude der Welt gen Himmel.

Ende 2004 ist der Turm, der mit seinen 508 Metern...

... die "nur" 452 Meter hohen Petronas Towers in Kuala Lumpur klar aussticht, fertig gestellt worden - und anders als sein Vorgänger in Babylon kratzt er unangefochten souverän an den Wolken. Die gleißenden Einkaufstempel in den unteren Stockwerken stellen die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit Taiwans ohne falsche Bescheidenheit zur Schau. Vom fünften Stock aus geht es in einer 39-sekündigen Liftfahrt (schnellster Aufzug der Welt!) zur Aussichtsplattform in den 89. Stock, wo den Besucher ein in der Tat umwerfender Ausblick erwartet. In alle Himmelsrichtungen ziehen sich von grünen Oasen durchsetzte Straßen- und Häuserzüge zum Horizont hin. Am Abend aber, wenn die Lichter angehen, dann liegen die Gebäude Taiwans vor dem Besucher "wie glitzernde Juwelen in einer Schale".

Formosa, die Liebreizende, so nannten die Portugiesen Taiwan, als sie 1590 an der Nordküste der Insel landeten und damit gleichsam den Startschuss zu einer langen, verschlungenen Kolonisationsgeschichte gaben. Den wichtigsten Einschnitt im 20. Jahrhundert bedeutete das Jahr 1949, als die den Kommunisten unterlegene Nationalregierung Chiang Kai-sheks, dem ein bombastisches Museum gewidmet ist, auf das tropisch grüne Eiland floh. Ein angenehmer, wenn auch politisch kaum bedeutsamer Nebeneffekt dieses Exodus: Die Vielfalt von Chinas Provinzküchen findet sich hier auf kleinem Raum zusammengedrängt. Ungewöhnlich und preiswert zugleich sind auch die mongolischen Barbecues, bei denen sich der Gast sein Essen aus dünn geschnittenem Fleisch, Saucen und Gemüsen selbst zusammenmischt und dann einem Koch aushändigt, der die Mixtur auf einer wagenradgroßen Herdplatte fertig zubereitet.

Wagemutigere können sich auch auf dem Night Market eine Schlange frittieren lassen - sie harren in Käfigen auf Schlachtung und Verzehr ähnlich wie die Forellen in den Aquarien hier zu Lande. Ein weniger gruseliges und aufbauenderes Erlebnis ist ein Besuch des stimmungsvollen Lung-Shan-Tempels, der nur einen Steinwurf vom Night Market entfernt ist: Weihrauch, Kerzenlicht, Lampions und meditative Musik fügen sich zu einem sinnlichen Gesamterlebnis, das dem gestressten Stadtbenutzer eine willkommene spirituelle Auszeit beschert. (Christoph Winder/Der Standard/rondo/03/06/2005)

Info:
China Airlines fliegen Taipeh neuerdings dreimal wöchentlich direkt von Wien aus an.
Tel.: 01 / 81 30 156
www.china-airlines.co.at
  • Ein ganz kleiner Ausschnitt des 1-0-1-Towers, des höchsten 
Gebäudes der Welt.
    foto: standard/winder

    Ein ganz kleiner Ausschnitt des 1-0-1-Towers, des höchsten Gebäudes der Welt.

  • Ein traditionelles Haus in Taipeh, das mit Neonaufschriften auch der Gegenwart Tribut zollt.
    foto: standard/winder

    Ein traditionelles Haus in Taipeh, das mit Neonaufschriften auch der Gegenwart Tribut zollt.

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