Dumm gelaufen

11. Oktober 2005, 13:04
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Beim International Design Action Day sind Gestalter aufgerufen, sich zu überlegen, wie Ärgernisse in Sachen Gebrauchsobjekte besser in den Griff zu bekommen sind

Haben Sie sich auch schon hin und wieder gefragt, warum man für jedes elektronische Gerät ein eigenes Ladegerät braucht, wo doch alle ein und denselben Zweck erfüllen? Oder warum Rauchen - zumindest wenn es nach den zweckdienlichen Hinweisen auf den Zigarettenpackungen geht - in Frankreich und England tödlich ist, während es in Österreich lediglich tödlich sein kann? Oder warum noch kein Architekt auf die Idee gekommen ist, die Anzahl der Damentoiletten an öffentlichen Orten zu verdoppeln, wo es doch eine allgemein bekannte Tatsache ist, dass sich Frauen (aus welchen Gründen auch immer) nicht nur öfter, sondern auch länger dort aufhalten? Oder was ausgerechnet an einem Fauteuil aus Stroh originell, schön oder gar bequem sein soll?

Nun, falls ja, dann sind Sie zumindest in bester Gesellschaft. Die Beispiele stammen nämliche allesamt von den Teilnehmern des jährlich stattfindenden Design Summit der Raymond Loewy Foundation, zu denen so fachkundige Personen wie Achim Heine, Paolo Tumminelli, Stefan Sagmeister, Volker Albus oder Michael Erlhoff gehören. Und die sind der Meinung, dass all diese Dinge schlicht und einfach Fragen des Designs sind.

Grund genug also, einmal in aller Gründlichkeit darüber nachzudenken

Weshalb am 21. Juni zum zweiten Mal der International Design Action Day stattfindet, an dem weltweit alle Designer dazu aufgerufen sind, ihre tägliche Arbeit einmal sein zu lassen und sich in aller Ruhe Gedanken über Design zu machen, oder besser gesagt, über "Stupid Design", denn so lautete das eigentliche Thema. Dabei geht es allerdings " . . . nicht allein darum, ob die Dinge jetzt schön ausschauen oder perfekt funktionieren. Es geht vielmehr darum, dass einige Probleme des alltäglichen Lebens endlich und überhaupt als Designprobleme wahrgenommen, als solche gehandhabt und somit vielleicht auch gelöst werden können. Und dass ein geschmäcklerischer Gestaltungswahnsinn nicht mehr länger als 'Design' angesehen wird, sondern vielmehr als Konsum-Wahnsinn", erklärt Paolo Tumminelli von Goodbrands Köln seine Erwartungen an die Stupid Design Initiative.

"Die Auseinandersetzung mit Design findet ja nach wie vor fast ausschließlich auf ästhetischer und funktionaler Ebene statt. Dabei hat Design auch ganz andere Dimensionen, wie soziale, ökonomische oder kulturelle Zusammenhänge, die leider viel zu oft außer Acht gelassen werden." Das reicht von der Frage, wie sinnvoll es ist, Billigstaubsauger herzustellen, die nach zwei, drei Jahren durch neue ersetzt werden müssen, bis zur Überlegung, ob es wirklich nötig ist, dass Geländewagen 250 km/h schaffen. Und was von Philippe Starck in den 90ern als neue, provokante Auseinandersetzung mit dem Thema Design gedacht war - nämlich etwas zu gestalten, das im Grunde nur "schick" und gegen jede Vorstellung von Funktionalität ist, wie die viel zitierte Zitronenpresse -, hat zum Leidwesen vieler Designer mittlerweile viel zu oft nur mehr unsinnige und übertriebene Formen angenommen.

"Die Welt wird heute ja mit Angeboten überschwemmt...

... auf die niemand gewartet hat", meint Michael Erlhoff, Präsident der Raymond Loewy Foundation, "Innovations-schrott" nennt er diese Dinge, die aufgrund irgendeines künstlich geschaffenen Trends - nicht selten nach dem Motto "schneller, größer / kleiner, stärker" - konzipiert werden und die weder ihrer ursprünglichen Bedeutung noch irgendwelchen ästhetischen Ansprüchen gerecht werden (wollen). Die aber zumindest funktionieren, wenn es um die (mediale) Aufmerksamkeit geht.

Doch Design darf nicht zur Pseudo-Innovationsmaschine verkommen. Was jetzt aber nicht zwangsläufig bedeutet, dass man partout auf dem alten "form follows function"-Prinzip herumreiten sollte. Aber eine Spur selbstkritische Auseinandersetzung schadet keinem Designer. Das sieht wohl auch Philippe Starck so, denn wie wäre er sonst auf die Idee gekommen, einmal aus den üblichen Design-Schemata auszubrechen und eine Zitronenpresse zu designen, die eigentlich ein Deko-Objekt ist? Und immerhin wurde er erst voriges Jahr als einer der bemerkenswertesten und originellsten Designer mit dem Lucky Strike Designer Award der Raymond Loewy Foundation ausgezeichnet. Im Dienste der weltweiten Alltagsbewältigung in Sachen Hardware sollten in diesem Sinne am 21. fest die Daumen gedrückt werden.
(Tina Preschitz/Der Standard/rondo/03/06/2005)

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