Fit wie ein Hausschuh

9. Juli 2005, 21:57
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Österreich ist sportlich. Bilder vom Wien-Marathon untermauern das. Die Wirklichkeit schaut anders aus: Ein Drittel der Bevölkerung bewegt sich kaum

Man lügt sich ja gerne ein bisserl in den Sack. Vor allem dort, wo es gut tut und bequem ist. Und weil der Österreicher ein bequemes Wesen ist und hat, liegt ihm das Schönreden. Auf der Zunge. Im Herzen. Und auch einfach so: Spendenweltmeister sind wir genauso wie das erste Opfer Hitlers. Dafür durch und durch weltoffen und vorurteilsfrei. Außerdem das Land, in dem Talente wie Markus Rogan konsequent zu Spitzenleistungen geradezu heranerzogen werden. Weil: Eigentlich sind wir eine durch und durch sportliche Nation. Und das nicht nur im Spitzen-, sondern auch (und gerade) im Breitensport. Wer das nicht glaubt, der kriegt zum einen Bilder von den Tausendschaften am Wiener Stadtmarathon und zum anderen Jubelstatistiken des Sportartikelhandels vorgelegt: Österreich ist sportlich.

Und die Erde ist eine Scheibe

Von "sportlich", merkt Peter Zellmann nämlich an, könne - auf die Nation umgelegt - keine Rede sein. Wissenschaftlich betrachtet - und das tut der Leiter des Institutes für Freizeit- und Tourismusforschung seit Jahrzehnten - könne man "sogar behaupten, dass heute weniger Menschen laufen als vor 15 Jahren". Freilich: "Die, die laufen, rennen nicht mehr nur einmal die Woche. Außerdem haben sie mehrere Paar spezielle Laufschuhe und viel mehr Laufgewand", kann Zellmann erklären, wie es auch wirtschaftsempirisch gestützt zu Lauf-Zerrbildern kommen kann: "Die Event-Inszenierung der Freizeit führt außerdem dazu, dass dann bei Events wie dem Marathon nicht ein Sample, sondern de facto alles, was läuft, auf der Straße unterwegs ist." Und weil das schön ins PR-und Medienbild passe, entstünden dann eben Mythen. Etwa der, dass Österreich läuft. Oder schwimmt. Oder nordisch walkt. Oder was auch immer tut - also fit ist.

Wer tut etwas nie?

Dabei, betont Zellmann, werde aber eines außer Acht gelassen: "Die Frage, ,wer tut was', ist falsch." Repräsentativere Bewegungs-Ergebnisse liefert die "Wer tut etwas nie"-Erhebung. Und der zufolge "erreichen alle Kampagnen, Leute vom Fernseher wegzuholen und zu bewegen, die Zielgruppe der Couch-Potatoes überhaupt nicht", seufzt Zellmann: Nach seinen Studien sind über die Jahre kaum signifikante Änderungen im Sportverhalten der Österreicher festzustellen.

Einzig beim Wandern, Radfahren und Nordic Walking sank die "Das-tue-ich-nie"-Quote von 40 (im Jahr 2000) auf 30 Prozent (2004). Und schon beim nächsten großen Block (Laufen, Skifahren und Schwimmen) liegt der Nie-Wert über Jahre hinweg "beständig und stabil" nahe dem Zwei-Drittel-Bereich: Laufen pendelte zwischen 61 (2000) und 59 (2004) Prozent. Nicht-Skifahren mauserte sich von 61 auf 55 Prozent (Zellmann: "Das ist die Rückkehr der Snowboarder") und Nie-Schwimmer sind statt 74 nur mehr 67 Prozent. "Alle anderen Sportarten", referiert der Sport-und Freizeitforscher, "liegen bereits ausnahmslos jenseits der 80-Prozent Marke." Nachsatz: "Und die Antwort auf die Frage, ob man etwas nie tut, sagt noch nichts über die Intensität - aber ob das wirklich Sport ist, ist ohnehin zweitrangig. Wir sind schon froh, wenn Menschen sich überhaupt bewegen."

Sich die Unsportlichkeitstabellen schön zu addieren...

... sei im Übrigen nicht zulässig, betont Zellmann: "Wer bei der 30-Prozent-Gruppe nicht dabei ist, der tut gar nichts." Zum einen, weil unter "Wandern" auch Harmlosigkeiten wie Spazierengehen subsummiert würden. Zum anderen aber, weil andere Untersuchungen die These der - in Bewegungsfragen - Dreiklassengesellschaft untermauern.

Demnach - "hier sind die Beobachtungswerte seit 15 Jahren gleich" - betreibt etwa ein Drittel der Bevölkerung regelmäßig Sport. Ein weiteres Drittel ist an Sport (sowohl aktiv als auch passiv) interessiert und ist gelegentlich auch selbst aktiv. Und der Rest "schaut nicht einmal Autorennen oder Fußballspiele im Fernsehen an, die werden nicht erreicht."

Jubelmeldungen - etwa über Millionen nordischer Spaziergänger in Österreich - würden daran nichts ändern, betont Zellmann: "Das sind zum Einen Leute aus dem mittleren Drittel, die ein schlechtes Gewissen haben und aufgrund der Boom- Berichterstattung so etwas einmal pro- bieren". Nüchterner Nachsatz: "Die Schätzung, dass vier Fünftel nach einem Jahr nicht mehr dabei sind, ist eher niedrig angesetzt." Zum Anderen ließen Verschiebungen zwischen den Sport / Bewegungs-Segmenten neue Trends rasch und mediengerecht wieder boomen. "Wenn der Hype vorbei ist, probiert man halt was anderes aus. Am eklatanten Bewegungsdefizit der Gesellschaft ändert das überhaupt nichts - aber es macht es leichter, es zu übersehen." (Thomas Rottenberg/Der Standard/rondo/03/06/2005)

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