Kommentar: Klein gedacht

4. Juli 2005, 15:57
posten

Der größte Fehler des Europa-Entwicklungsprogramms "eEurope" war, dass es kleinhäuslerisch aufgesetzt war

Gemessen an seinem Ziel, Europa zum dynamischsten Wirtschaftsraum zu machen, ist das EU-Programm "eEurope" gescheitert, das beweisen die Daten. Gemessen an dem Ziel, dies durch eine Durchdringung mit Internetdiensten in allen Lebensbereichen zu erreichen, nur fast. Zwar gibt es eine Fülle von Diensten, etwa im Bereich der Behörden, aber es gibt auch eine wachsende Kluft zwischen Personen, die Zugang zu diesen Diensten haben - und denen, die ausgeschlossen sind.

Der größte Fehler des Europa-Entwicklungsprogramms "eEurope" war, dass es kleinhäuslerisch aufgesetzt war: Jeder Staat, jedes Bundesland, jede Stadt, jedes Dorf strickte seine eigenen Angebote. Der zweite Fehler war, dass sich zu viel an den Endkunden, den Bürger, richtete. Für die Erstellung eines Reisepasses, alle paar Jahre, wird dieser aber keine Onlinedienste in Anspruch nehmen. Auch sind viele Angebote nett, ihr wirtschaftlicher Nutzen ist aber zumindest fragwürdig: Der meistgenutzte Service der Stadt Wien ist die Internetreservierung von Grillplätzen im Wienerwald und auf der Donauinsel.

Also frischer Wind. "i2010", das Nachfolgeprogramm von "eEurope", will mehr vernetzen, heißt es. Will "Internetinhalte und -infrastruktur" zusammenbringen. Das kann nur bedeuten, dass nicht jedes Mitglied sein eigenes Internetsüppchen kochen soll - und dabei das Rad mehrfach neu erfinden. Soll heißen, dass Dienste und Anwendungen woanders wiederverwertet werden. Denn die größten Anforderungen einer vernetzten Informationsgesellschaft sind europaweiter, ja globaler Natur: der Umgang mit Lizenzen und Rechten bei digitalen Produkten. Die ausufernde Spam- und Virenproblematik. Die Antworten auf diese Probleme werden in den nächsten Jahren für die Wettbewerbsfähigkeit Europas entscheidend sein. (DER STANDARD, Printausgabe, 2.6.2005)

Von Johanna Ruzicka
Share if you care.