"Wir haben vielleicht ein Methodenproblem"

2. Dezember 2005, 11:54
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Zwei Pisa-Studien, zwei unterschiedliche Methoden - Das könnte laut Statistikern zu leichten Verzerrungen geführt haben

Wien - Gewissen Erklärungsbedarf sehen Statistiker bei einigen Einzelergebnissen der internationalen Bildungsvergleichsstudie PISA. So könnten unterschiedliche Auswertungsmethoden oder bestimmte Fragestellungen zu leichten Verzerrungen der Punkteanzahl und damit des Rankings geführt haben, erläuterten Dienstag Abend Wissenschafter bei einem Workshop der Statistik Austria. Generell sei aber PISA im Vergleich zu anderen internationalen Studien "auf extrem hohem Niveau" durchgeführt worden.

Anderer Schwerpunkt

Konkrete Auswirkung: Da bei der letzten PISA-Studie 2003 Mathematik im Mittelpunkt stand, erhielt im Unterschied zum Jahr 2000 nicht jeder getestete Schüler ein Testheft mit Lese-Aufgaben. Trotzdem wurde auf Grundlage der erreichten Leistungen in den anderen Testgebieten die Leseleistung dieser Schülergruppe - immerhin rund 40 Prozent aller Teilnehmer - geschätzt. Im Unterschied dazu wurde 2000 hingegen mit Hochrechnungen gearbeitet. Wäre diese Methode auch 2003 angewendet worden, hätte Österreich vermutlich eine etwas höhere Punkteanzahl erreicht (499 statt 491; 2000: 507).

Österreich nicht "abgestürzt"

Beide Methoden seien zwar legitim und "state of the art", meinte Ivo Ponocny von der Statistik Austria. Nur seien eben 2000 und 2003 unterschiedliche Methoden angewendet worden. Für manche Länder hätte sich dies positiv ausgewirkt wie etwa Griechenland, für Finnland überhaupt nicht und für Österreich leicht negativ. Aus diesem Grund könne man auch nicht sagen, dass Österreich beim Lesen gegenüber 2000 abgestürzt sei. Die Werte würden zwar leicht schlechter liegen, aber innerhalb der statistischen Schwankungsbreite.

Aufgaben geheim

Sehr wohl einen Absturz habe es hingegen bei den Naturwissenschaften gegeben, so Ponocny: "Da ist etwas passiert." Allerdings gebe es auch hier Ungereimtheiten: Bei der einen Hälfte der Aufgaben seien die Werte praktisch gleich geblieben, bei der anderen hingegen dramatisch abgefallen. Welche Fragen dies konkret sind, weiß man allerdings nicht, da die OECD die Aufgaben nicht freigibt.

"Ein bisschen ein Methodenproblem"

Allerdings sollten diese Unterschiede nicht überbewertet werden, meinte Statistik-Professor Wilfried Grossmann von der Uni Wien: "Wir haben vielleicht ein bisschen ein Methodenproblem, O.K." Andererseits zeige PISA aber ganz klar die Schwäche des österreichischen Schulsystems. "Ganz klar" sei etwa der auffällig hohe Zusammenhang in Österreich zwischen Wohlstand und Bildungsstand der Eltern sowie dem Leistungsniveau der Schüler. Im Unterschied zu Finnland und Südkorea spiele der Bildungsgrad der Eltern eine wichtige Rolle für die Leistung der Schüler. Die Selektion mit zehn Jahren in AHS-Unterstufe und Hauptschule sei dabei sicher ein Problem in Österreich. Andererseits würde auch die Einführung einer Gesamtschule den gesamten Einfluss des Elternhauses nicht eliminieren, so Grossmann.

Skeptisch bei Rankings

Andererseits gebe es im österreichischen differenzierten Schulsystem auch Schulen, "die im Sinne von PISA versagen", so Grossmann mit Hinweis auf die schlechten Resultate der österreichischen Berufsschüler. Auf der anderen Seite ermöglichten diese eine praktische Ausbildung, die unter Umständen direkt in den Beruf führe.

Generell sind die Experten gegenüber den in der Diskussion verwendeten Rankings eher skeptisch. Rankings seien "keine solide Methode", so der fachstatistische Generaldirektor der Statistik Austria, Peter Hackl. Man sollte die konkreten Platzierungen daher nicht so ernst nehmen.

Die Statistiker verhandeln derzeit mit dem Bildungsministerium über einen Auftrag zum Vergleich der PISA-Studien 2000 und 2003. (APA)

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    Ist Österreich wirklich "abgestürzt" oder war die Pisa-Studie ungenau?

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