Wie man Zahlen lesen lernt

2. Dezember 2005, 11:54
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7500 Schülerinnen und Schüler mussten als Test-Tester antreten und unterzogen die neuen Bildungsstandards für Mathematik einem ersten Praxischeck - mit Beispielen

Pyramiden und Jause, Wasserverbrauch und Holzbretter, Kreisringe und Zinsen: alles Themen, die ein gutes mathematisches Rechenbeispiel abgeben können. Von der abstrakten Geometrie bis zum praktischen Alltagsproblem reichte denn auch die Palette der Aufgaben, über denen am Dienstag in 90 Hauptschulen und Gymnasien Österreichs 7500 Schülerinnen und Schüler der vierten Klassen (rund sieben Prozent aller Schüler der achten Schulstufe) brüteten (Beispiele unten).

Test testen stand am Programm. Konkret wurden die Tests, mit denen die Bildungsstandards für Mathematik ab 2008 überprüft werden sollen, getestet. Bildungsministerin Elisabeth Gehrer initiierte diese international üblichen Benchmarks als Reaktion auf die Pisa-Studie (Grafik).

Mit den Bildungsstandards soll festgelegt werden, welche Kompetenzen die Schüler an den "Nahtstellen" des Bildungswesens - vor allem in der vierten Klasse Volksschule und der vierten Klasse AHS oder Hauptschule - in den Kernbereichen eines Fachs erworben haben sollen.

Nun haben Experten eine Reihe an Testfragen entwickelt, die erstmals dem Praxischeck unterzogen wurden, um gegebenenfalls nachjustiert zu werden, hieß es aus dem Bildungsministerium. Die Ergebnisse werden zentral ausgewertet. Bei Bedarf werden dann die Tests geändert. Das Ministerium betonte, dass die Tests weder Teil der Noten sind, noch für Rankings herangezogen werden können.

"Gut gemachte Bildungsstandards können eine sehr positive Orientierungsfunktion vor allem für die Lehrer haben. Aber man darf dieses Instrument nicht für individuelle Tests oder Rankings hernehmen. Das würde das Vertrauen in die Standards zerstören und niemandem helfen", sagt Didaktikprofessor Werner Peschek von der Abteilung für Didaktik der Mathematik an der Uni Klagenfurt im Gespräch mit dem STANDARD.

Aussagekräftig sei vor allem das, "was der Test signalisiert in Richtung Unterricht und wie bestimmte Inhalte vermittelt werden." Der jetzige Testlauf habe primär "testtheoretischen Sinn" und soll die "Trennschärfe" der Aufgaben zeigen, erklärt Peschek, der selbst "didaktisch beratendes" Mitglied der ministeriellen Steuerungsgruppe für Mathematik bei der Entwicklung der rund 260 Testaufgaben war.

Wenn sich bei einer Aufgabe zeigen sollte, dass sie von fast keinem Schüler richtig gelöst werden konnte, wird man überlegen müssen, ob der Text missverständlich formuliert wurde, ob der Anspruch dieser Aufgabe tatsächlich zu hoch ist - oder ob hier eben ein Defizit hinsichtlich eines unverzichtbaren Standards aufgezeigt wird und es sich in diesem Sinne um eine besonders informative Aufgabe handelt.

Generell seien Bildungsstandards "eine relativ starke Art, punktgenauer den gewünschten Output von Lernprozessen zu steuern, indem klar ist, was am Ende rauskommen soll", sagt Peschek. Allerdings kritisiert er, dass die Fachdidaktiker vom Ministerium zu wenig eingebunden worden seien. "Die Schulpraxis zieht nicht nach, was die Didaktik sagt. Es gibt Angebote von der Fachdidaktik, aber ein Kommunikationsproblem zwischen Schulen und Unis", bedauert Peschek.

"Zu viel gerechnet"

"Es wird zu viel gerechnet und zu wenig interpretiert, dargestellt und begründet. Man muss mathematische Kurven nicht nur zeichnen, sondern auch lesen können. International wird seit Langem gefordert, die kommunikative Komponente der Mathematik zu forcieren. Pisa geht in diese Richtung." Diese Unterrichtsdefizite erklärten - neben Lehrplanlücken - die Schwächen österreichischer Schüler in Statistik und Wahrscheinlichkeitsrechnung.

Grünen-Bildungssprecher Dieter Brosz kritisierte den Test-Test so knapp vor Ende des Schuljahres: "Die Schüler haben gar nichts von dem Ganzen." Erwin Niederwieser von der SPÖ forderte indes mehr Tempo. Eine dreijährige Einführungsphase sei zu lang: "Diese Tests soll es ab Herbst in allen Schulen geben." (LISA NIMMERVOLL/DER STANDARD-Printausgabe, 1.6.2005)

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