Spielt einmal das Rot!

31. Mai 2005, 21:38
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Unter erschwerten Bedingungen kann Luc Bondys Inszenierung von Yasmina Rezas Schauspielerhommage "Ein spanischen Stück" nun doch bei den Festwochen gastieren

Wien - Der Schauspieler müsse alles geben, er müsse mit sich so verfahren, als ginge er in nicht mehr als einem toten Hundeleib umher, so gnadenlos verlangte es der französische Schriftsteller (und Louis-de-Funès-Vergötterer) Valère Novarina mit der Hingabe an die Darstellungskunst.

Yasmina Rezas für vier Gastspiele zu den Festwochen ins Ronacher geholte Spanische Stück ist eine aufrichtige Hommage an diese Schauspielkunst. Und was kann ein in diese Hommage inbegriffener Regisseur wie Luc Bondy zunächst anderes tun, als im Bild der absoluten Hingabe gleich den Tod sämtlicher Schauspieler zu fordern:

Peng, peng!

Ein Mann tritt vom Bühneneingang an die Rampe und zielt mit Westernschüssen in die am Bühnensofa auf ihren Auftritt wartenden Schauspieler. Sie sterben nach einander kurz und prägnant. Knicken ihre "Hundeleiber" kopfüber in die Couch, sacken zusammen oder fallen langgliedrig hingestreckt ins Licht. Schön, doch jetzt geht's erst los, jetzt knospt ein sich auf zwei simultane Spielebenen erstreckendes Stück: Schauspieler als Schauspieler, die - nach mehr oder weniger exaltierter Art - Schauspieler spielen.

Der kaltblütige Mörder stellt zusammen mit seinen anderen Untoten - insgesamt drei Frauen, vier Männer - ein Ensemble dar, das gerade ein "Spanisches Stück" eines gewissen Olmo Panero probt. Plot: Zwei unterschiedlich begabte Schauspielerinnen-Töchter (eine mit ihrem Ehegatten) finden sich in Mutters großzügigem Heim ein, um deren neuen Lebensabschnittspartner, einen Hausverwalter, kennen zu lernen. Auf der Metaebene probt eine der Schwestern, die erfolglose, innerhalb dieses spanischen Stücks an einem bulgarischen!

Gleich hinter dieser boulevardesken Handlung mit all ihren oberflächlichen familienneurotischen und schauspielerklischeehaften Versatzstücken lässt die Autorin ein wahres, verdecktes Eigentliches vermuten, das natürlich ein großes Nichts ist.

Ein bisschen zu sehr Nichts von diesem Nichts spürte man bei der vorverschobenen Premiere am Montag im Ronacher. Gewiss haben die Umstände des durch Krankheit bedingten Schauspielerwechsels die Stringenz der Inszenierung beeinflusst, und gewiss hat das außerordentlich schäbige Übertitelungsband (man spricht im Original Französisch) den Wahrnehmungsfluss vonseiten der Zuschauer irritiert. Doch auch dem im Grunde schönen bewegungslosen Fortgang des malerischen Abends fehlt die durchdringende Kraft.

Glänzende Spieler

Die Figuren heben ihn immer wieder an, - glänzend gespielt von den Schauspielern des Pariser Théatre de la Madeleine: Marianne Denicourt als ätherische Jungdiva, Jérome Nicolin als verblüffend turnfreudiger Liebhaber der Mutter, André Marcon und Dominique Reymond geben ein gnadenlos aneinander gefesseltes Ehepaar, und Bulle Ogier stelzt als zwischen den Fronten verglühende Mutter mit Liebeszukunft in die Endlosigkeit ihrer Wohnlounge.

Sie allesamt sind bloß Präludien ihrer selbst, können nicht fassen, wie weit sie es treiben werden, erschöpfen sich angesichts der Weite ihrer Möglichkeiten; sind hochnervös, weil sie in dieser raffinierten Gesellschaftskomödie die eigenen Grenzen nicht kennen.

Sie agieren in einer aggressiv roten Bühne von Gilles Aillaud: eine Arena der Grausamkeit, in der mit allen Mitteln (auf allen Vieren schnupft man an der meterlangen Kokainspur) den echten Gefühlen auf den Grund gegangen und ihnen zugleich auch wieder entflohen werden will. Es ist ein Kampf (von Schauspielern) ums "echte" Leben, der nicht mehr braucht als eine vernünftige Bar, über der auf der blutroten Wand ein Stierfresko thront.

In A-part-Reden erteilt man Ratschläge an den Autor, Wissenswertes über den Beruf als Schauspieler; in der Schule sagen sie einem immer: "Spiel doch das Rot!" Und so wie bei Reza die "Wörter nur die Klammern für das Schweigen" sind, so hockt tief in diesem doppelt- und dreifachen Spiel dann wieder irgendwo das Leben. Nur mit Glück konnte man es hier finden. (Margarete Affenzeller/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 1. 6. 2005)

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