Die Überprüfung der Forschung

31. Mai 2005, 20:48
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Sollen universitäre Leistungen evaluiert werden? Ein Vergleich mit Großbritannien und den Niederlanden zeigt, dass systematische Evaluierungen von Universitäten auch produktive Auswirkungen auf deren Finanzierung haben - Kommentar der anderen von David F. J. Campbell

Die "wissensbasierte" Gesellschaft impliziert, dass dem Wissen eine zunehmende Bedeutung sowohl für global wettbewerbsfähige Ökonomien als auch für funktionierende Demokratien zukommt. Wissen verweist dabei immer auf einen Forschungs- und Bildungs-Ast, sowie deren Verknüpfung im Kontext (trans)nationaler Innovationssysteme. Durch ihre Fähigkeit, verschiedene Formen von Wissen zu produzieren und zu kombinieren, gewinnen Universitäten für entwickelte Innovationssysteme deutlich an Relevanz.

Um universitäre Leistung evaluieren zu können, ist es notwendig, Modelle dazu zu entwickeln, was universitäre Forschung, Lehre und Management sind bzw. sein sollen. Möchten wir uns im Folgenden auf die universitäre Forschung konzentrieren, so lautet eine Standarddefinition: universitäre Forschung =(Grundlagen-)Forschung von "hoher Qualität".

Wird das als Modell akzeptiert, so impliziert das ferner, dass universitäre Forschung auch evaluierbar ist, da definierbar. Die Radikalthese, dass sich universitäre Forschung prinzipiell einer Evaluation entziehen würde, würde letztlich auf das Postulat hinauslaufen, dass universitäre Forschung einer gehaltvollen Definition nicht zugänglich wäre (mit welchen Implikationen für die Legitimation von Universitäten?).

Evaluation schlägt somit eine Brücke zwischen (erkenntnistheoretischem) Modell und dessen Überprüfung sowie Anwendung in der Praxis. Dass empirische Überprüfung und Evaluation schwierig und konfliktgeladen sind, muss natürlich eingestanden werden. Auch Evaluationen sind Kritik ausgesetzt und unterliegen Lernprozessen: Evolution von Evaluation oder - wie jemand einmal sagte - Evolution durch Evaluation?

Ländervergleich

Ein Blick über Österreichs Grenzen zeigt, dass in einigen europäischen Ländern bereits seit mehreren Jahren systematisch evaluiert wird. Da es dabei häufig um die rückwirkende Bewertung von öffentlich grundfinanzierter universitärer Forschung geht, spricht man hier bevorzugt von umfassender institutioneller "ex-post Evaluation". Großbritannien und die Niederlande belegen dafür innovative (aber auch kontroversielle) Pionierpositionen, da deren Evaluationen universitärer Forschung das gesamte Spektrum öffentlich finanzierter Universitäten abdecken.

Die britischen ex-post Evaluationen heißen Research Assessment Exercises (RAEs). Bisher gab es fünf RAEs, für 2007-08 ist der nächste Zyklus angesetzt. In den Niederlanden erfasst die ex-post Evaluation universitärer Forschung ebenfalls das gesamte Spektrum, jedoch werden nicht alle Disziplinen auf einmal bewertet. Der erste Evaluationszyklus erstreckte sich über die Jahre 1993-99 und bezog sich auf insgesamt 27 Disziplinen, der zweite wurde 1998-2004 durchgeführt.

Betreffend die Ein- oder Mehrdimensionalität der Qualität universitärer Forschung sind durchaus unterschiedliche Konzeptualisierungen denkbar. In Großbritannien wird im Rahmen der flächendeckenden ex-post Evaluation universitärer Forschung nur eine Qualitätsdimension verwendet, das niederländische Verfahren orientiert sich hingegen an vier verschiedenen Dimensionen: Qualität in einem "engeren" Sinn, Produktivität, Relevanz und Langfristigkeit ("viability").

Solch eine mehrdimensionale Abbildung der Qualität universitärer Forschung ermöglicht differenziertere Aussagen. In Fortführung dieser konzeptionellen Mehrdimensionalität könnte die "Effektivität" universitärer Forschung in Abhängigkeit von Qualität, Effizienz, Relevanz und Langfristigkeit dargestellt und moduliert werden.

Lerneffekt

Kann von diesem Vergleich für Österreich gelernt werden? Bisher gibt es in Österreich noch kein flächendeckendes System einer ex-post Evaluation universitärer Forschung. Vieles spricht dafür, solch eines einzurichten, da die aussagekräftigsten Evaluationsvergleiche immer zwischen universitären Einrichtungen derselben Disziplin, aber an verschiedenen Standorten stattfinden. Solch ein Gesamtsystem hätte für Österreichs Universitäten den größten Lerneffekt und könnte beitragen, die Vielzahl nicht vergleichbarer Einzelevaluationen zu reduzieren.

Österreichs Universitäten hätten mit Einrichtung einer nationalen ex-post Forschungsevaluation auch gute Argumente in der Hand, sich für Aushandlungsprozesse mit öffentlichen Entscheidungsträgern in eine starke Position zu manövrieren, mit Forderungen nach einer Erhöhung öffentlicher Finanzierung oder von universitätsfreundlicheren Reformen des Stiftungs- und Steuerrechts.

Dabei stellt sich ferner die Frage, ein nationales Evaluationssystem nicht nur auf die Forschung zu beschränken, sondern auch auf die universitäre Lehre auszuweiten. Österreichs Universitäten befinden sich gerade im sensiblen Prozess des Aushandelns von Leistungsverträgen mit dem Bildungsministerium. Würde eine Überprüfung dieser Leistungsverträge im Bereich von Forschung und Lehre nicht auch Evaluation verlangen? (DER STANDARD, Printausgabe, 1.6.2005)

David F. J. Campbell ist Research Fellow an der Abteilung Hochschulforschung, Fakultät für Interdisziplinäre Forschung und Fortbildung (IFF), Universität Klagenfurt.

Im Rahmen der Standard-Kooperation mit Ö1 widmet sich am Mittwoch, 1. Juni, um 18.00 Uhr eine Diskussion dem Thema "Evaluation - Universitäre Leistung auf dem Prüfstand".

ORF-Kulturcafé
Argentinierstraße 30a

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