Im Wortlaut: Die "Gründerväter" der Republik über Entschädigungen für NS-Opfer

12. Juli 2005, 17:25
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Protokolle der Ministerratssitzung vom 9. 11. 1948, wo es um einen Fonds für jüdische Rückwanderer ging

Die Denkweise der "Gründerväter" der Republik, die selbst unter den Nazis gelitten hatten, zeigen die Protokolle der Ministerratssitzung vom 9. 11. 1948, wo es um einen Fonds für jüdische Rückwanderer ging:

Bundesminister Josef Kraus (ÖVP): "Ich weiß aber nicht, wie gerade jetzt eine Rasse besondere Privilegien bekommen soll. Andere, die nicht weggingen, bekommen keine Unterstützung, die Juden aber sollen eine solche erhalten ... Ich stimme diesem beabsichtigten Projekt nicht zu."

Bundesminister Ernst Kolb (ÖVP): "Das Unrecht, das den Juden zugefügt wurde, hat Österreich nicht zugefügt. Österreich und das großdeutsche Reich, das ist ein Unterschied."

Bundesminister Oskar Helmer (SPÖ): "Ich sehe überall nur jüdische Ausbreitung wie bei der Ärzteschaft, beim Handel vor allem in Wien. Auch den Nazis ist im Jahre 1945 alles weggenommen worden, und wir sehen jetzt Verhältnisse, dass sogar der nationalsozialistische Akademiker auf dem Oberbau arbeiten muss."

Bundeskanzler Leopold Figl (ÖVP): "Dem Antrag wird die Zustimmung im Ministerrat nicht gegeben. Es ist schwer, woher wir die Mittel aufbringen sollen. Wir müssen sagen, dass wir momentan in Budgetberatungen stecken."

Der Historiker Oliver Rathkolb in seinem Buch "Washington ruft Wien" (1997) über Aufzeichnungen des US-Botschafters Llewellyn Thompson von dessen Gesprächen mit Figl (Bundeskanzler) und Schärf (Vizekanzler, SP-Chef): "Schärf gab ganz offen gegenüber Thompson zu, dass beide Parteien vor dem Hintergrund der Nationalratswahlen beschlossen hatten, die Rückstellungs-bzw. Wiedergutmachungsgesetze nicht zu beschließen, mit Rücksicht auf die ,400.000' ehemaligen Nationalsozialisten (gegenüber ,40.000' aufseiten der ,Opfer')." (DER STANDARD, Printausgabe, 1.6.2005)

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