Immer mehr HIV-Infektionen in Österreich

31. Mai 2005, 20:32
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Aids bleibt nicht länger nur in Afrika und Asien ein wachsendes Problem, warnt Brigitte Schmied, Präsidentin des Aidskongresses in Wien im STANDARD-Interview

Aids bleibt nicht länger nur in Afrika und Asien ein ständig wachsendes Problem. Die Zahl der HIV-Infektionen steigt auch in Europa wieder, warnt Brigitte Schmied, Präsidentin des Aidskongresses in Wien.

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Wien - Am Mittwoch beginnt in der Wiener Hofburg der deutsch-österreichische Aidskongress. Bis Samstag werden neue wissenschaftliche Erkenntnisse aus Prävention, Diagnose und Therapie ebenso erörtert wie die Betreuung der Betroffenen in psychischer und sozialer Hinsicht.

Am stärksten betroffen von der Immunschwächekrankheit sind nach wie Entwicklungsstaaten, besonders in Afrika und Asien. Aber auch in Industrienationen ist Aids wieder auf dem Vormarsch. Im Jahr 2004 lebten weltweit geschätzt 40 Millionen HIV-Infizierte, etwa fünf Millionen Menschen steckten sich neu an, drei Millionen bereits an Aids Erkrankte starben. In Österreich sind seit 1983 insgesamt 1851 Menschen an Aids erkrankt, 974 von ihnen gestorben. Heute leben etwa 6000 HIV-Positive in Österreich, schätzt Kongresspräsidentin Brigitte Schmied.

STANDARD: Wie würden Sie die derzeitige Situation in Österreich skizzieren?
Schmied: Die Situation in Österreich unterscheidet sich wenig von der im restlichen westlichen Europa. Die Infektionen steigen besonders bei Heterosexuellen an. Von 1997 bis 2002 ist die Infektionsrate im gesamten um etwa 46 Prozent angestiegen - bei durch intravenösen Drogengebrauch Infizierten ist sie um 16 Prozent gesunken, bei durch heterosexuellen Kontakt Infizierten um 122 Prozent angestiegen. Generell muss man leider sagen, dass es in den vergangenen Jahren zu einem deutlichen Anstieg aller sexuell übertragbaren Erkrankungen gekommen ist. Die Zahl der jährlichen HIV-Neuinfektionen in Österreich ist schwierig anzugeben, da die akute HIV-Infektion meist nicht diagnostiziert wird. Die Anzahl der neu diagnostizierten Patienten betrug im Vorjahr 250. Tendenz steigend.

STANDARD: Welche Gründe führen neben ungeschütztem Sex noch zu diesem Anstieg in den Statistiken?
Schmied: Zum einen wird ein Großteil der Infektionen erst relativ spät diagnostiziert. Europaweit werden 55 Prozent aller Fälle erst innerhalb der letzten sechs Monate vor Ausbruch der Erkrankung diagnostiziert. Das heißt, die HIV-Infektion besteht schon lange Zeit - die Betroffenen wissen das aber nicht, sind daher unbehandelt, die Virusbelastung ist dementsprechend hoch, dadurch auch das Infektionsrisiko. Zum anderen hat natürlich auch die Zahl der durchgeführten Aidstests zugenommen, dadurch auch die Zahl der Diagnosen. Dies bezieht sich auf Westeuropa, nicht auf Österreich, da hier zu Lande schon immer sehr viel getestet wurde. Faktum bleibt aber, dass viel zu wenig heterosexuelle Menschen daran denken, dass sie betroffen sein können.

STANDARD: Geht die Wissenschaft eigentlich immer noch davon aus, dass vom Zeitpunkt der HIV-Infektion bis zum Ausbruch der Krankheit bis zu zehn Jahre vergehen können?
Schmied: Das kann durchaus noch sein, wobei es immer wieder Fälle gibt, bei denen es zu einem extrem schnellen Fortschreiten kommen kann. Das sind aber bis dato nur Einzelfälle. Ein Problem sind aber zunehmende Resistenzen, die eine effiziente Behandlung extrem schwierig machen.

STANDARD: Resistenzen werden neben der Mutationsfreudigkeit der Viren auch auf falsche Anwendung der Medikamente zurückgeführt. Die heutige Kombinationstherapie mit mehreren Wirkstoffen mehrmals am Tag macht es Patienten nicht leicht, das geforderte strikte Behandlungsschema einzuhalten. Derzeit werden neue Monotherapien erforscht, die eine höhere Compliance versprechen. Ein Ausweg?
Schmied: Prinzipiell ist es natürlich einfacher, wenn man täglich nur ein Medikament schlucken muss. Aber auch die Einhaltung der modernen Kombinationstherapie, heute braucht man nur noch zwei bis drei Tabletten zweimal am Tag, ist eigentlich nicht so schwer - zumindest bei uns, wo Patienten regelmäßigen Zugang zu den Medikamenten haben. In Afrika und Asien schaut es anders aus. Ganz wichtig erscheint mir die adäquate Schulung der Patienten. Wir haben an unserer Abteilung von Oktober 2003 bis Oktober 2004 ein Projekt zur Therapieschulung durchgeführt. Patienten haben von eigens ausgebildeten Schwestern gelernt, die Arzneien richtig einzunehmen. Das hat zu einem Anstieg der Ansprechrate geführt. Bei mehr als 80 Prozent der so geschulten Patienten konnte bald keine Viruslast mehr im Blut nachgewiesen werden - eine Verbesserung um 35 Prozent.

STANDARD: Bis in die 1990er-Jahren war Aids eine terminale Erkrankung. Durch die neuen Medikamente scheint die Immunschwäche zu einem chronischen Leiden geworden zu sein. Können HIV-Positive heute davon ausgehen, dass sie nie Aids bekommen werden, wenn sie rechtzeitig und richtig behandelt werden?
Schmied: Davon gehen wir zwar aus, vorbehaltlich dessen, dass es natürlich noch keine Langzeiterfahrungen geben kann. Denn seit der Einführung der modernen Kombinationstherapie 1996 sind gerade einmal neun Jahre vergangen. Ob die Wirkung und Verträglichkeit der Behandlung wirklich 30, 40 Jahre anhält, wird sich erst zeigen. Man muss aber ganz deutlich sagen, dass nicht einfach ist, mit der Infektion zu leben. Das beginnt bei den Nebenwirkungen, die den Tagesablauf beeinflussen, geht über wirtschaftliche und soziale Bereichen, die meisten Betroffenen haben zum Beispiel beruflich weniger Chancen, und endet im privaten Bereich, wo zum Beispiel problematisch ist, eine neue Beziehung einzugehen. Außerdem muss gesagt werden, dass die HIV-Infektion nicht heilbar ist. Man verwechselt behandelbar viel zu oft mit heilbar.

STANDARD: Wie sieht es mit einer medikamentösen Prophylaxe aus? Bisherige Versuche mit Impfstoffen, das haben Innsbrucker Forscher erst in der Vorwoche berichtet, sind ja kontraproduktiv, weil sie einer Infektion nicht vorbeugen, sondern sie sogar forcieren.
Schmied: Eine Impfung, die vor einer Infektion schützt, scheint in absehbarer Zeit oder vielleicht sogar überhaupt nicht entwickelbar zu sein. Das Problem ist das, dass sich das Virus permanent verändert - das ist so, als wenn Sie einen Schlüssel haben, das Schloss sich aber ständig ändert. Ich denke aber, dass es durchaus möglich ist, eine Impfung zu entwickeln, die zu einer Verzögerung des Ausbruchs von Aids bei HIV-Infizierten führen kann.

STANDARD: Durch die EU-Erweiterung fürchtet man eine weitere Zunahme von HIV in Westeuropa, weil es in Oststaaten mehr IV-Drogenabhängige, damit mit HIV-Positive gibt. Wird sich das bewahrheiten?
Schmied: Es war ja von Anfang an der Fall, dass über IV-Drogensüchtige die HIV-Infektionen in den heterosexuellen Bereich gebracht wurden. Diese Befürchtung wird sich daher wahrscheinlich bewahrheiten. Sie dürfen dabei auch nicht vergessen, dass IV-Drogenkonsum und Prostitution sehr stark miteinander verknüpft sind. Die HIV-Infektionen bei Prostituierten liegen in Westeuropa bei etwa zwei Prozent. Laut Daten der WHO liegt diese Rate in Ost- und Zentraleuropa bei 15 Prozent, in einigen Regionen sogar zwischen 30 und 60 Prozent und in einigen Ländern Afrikas bei bis zu 80 Prozent. Und der Sextourismus boomt. (Andreas Feiertag/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 01.06.2005)

Von Andreas Feiertag

Zur Person

Kongresspräsidentin Brigitte Schmied (42) ist Pulmologin und arbeitet als Oberärztin der 2. Internen Lungenabteilung im Wiener Otto-Wagner-Spital auf einer HIV/Aids-Station.

Links

Deutsch-Österreichischer Aids-Kongress
1.-4. Juni 2005
Hofburg Kongresszentrum Wien

  • Der Beginn einer unheilbaren Infektionskrankheit: HI-Viren (blau) attackieren eine Zelle des menschlichen Immunsystems. Aids ist in Europa wieder auf dem Vormarsch.
    foto: standard/petech

    Der Beginn einer unheilbaren Infektionskrankheit: HI-Viren (blau) attackieren eine Zelle des menschlichen Immunsystems. Aids ist in Europa wieder auf dem Vormarsch.

  • Kongress-Präsidentin Brigitte Schmied.
    foto: standard/privat

    Kongress-Präsidentin Brigitte Schmied.

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