"Man kann Eliten nicht aus dem Nichts schaffen"

3. Februar 2006, 18:31
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Konrad Osterwalder, Rektor der ETH Zürich, im UniStandard-Interview über Eliteunis und was es dazu braucht eine Brutstätte für künftige Nobelpreisträger zu kreieren

UniStandard: Die ETH findet sich in Universitätsrankings meist unter den Top-Ten. Wie erklären sie sich den Erfolg?

Osterwalder: Durch den hohen Grad an Autonomie, die großzügigen Mittel und durch ein sehr effizientes Berufungsverfahren, das es uns erlaubt international auf Top-Qualität zu gehen.

UniStandard: ETH-Studierende zahlen etwa 600 SFr (381 ) pro Semester. Wird sich der Betrag erhöhen?

Osterwalder: Ich bin für die Verzehnfachung der Gebühren. Die Studenten müssen mehr als einen symbolischen Beitrag leisten. Ein Drittel der Einkünfte soll jedoch in Stipendien und Darlehen fließen.

UniStandard: In Österreich bangt man vor einem Ansturm ausländischer Studenten. Fürchtet man sich an der ETH auch?

Osterwalder: Die Gefahr ist gering, weil uns nur bilaterale Abkommen an die EU-Regeln binden. Es gibt keine absolute Gleichbehandlung. Es wird für Österreich ein lösbares Problem sein, da deutsche Universitäten eine Zulassungsselektion zu entwickeln suchen, die nicht von den schulischen, sondern von der Studienleistung abhängen.

UniStandard: Etwa 57 Prozent der Professoren sind nicht Schweizer, sondern die internationale Forscher-Elite. Wie holt man diese nach Zürich?

Osterwalder: Wir berufen international die Besten. Daraus ergibt sich eine Qualitätsspirale nach oben. Wenn eine Universität einen gewissen Ruf vorweist, dann wird sie attraktiver für die Top-Leute und die Qualität steigt. Dasselbe gilt aber auch nach unten.

UniStandard: In Österreich plant man eine Elite-Uni. Welche Tipps können Sie geben?

Osterwalder: Mehr Wettbewerb zulassen und so gestalten, dass sich Spitzenleistungen bezahlt machen. Man kann Elite nicht aus dem Nichts schaffen. Manche denken, 'der Staat kann einen finanziellen Sprung machen, und dann hat man seine Eliteschule'. Wer das plant, muss langfristig die Kosten tragen. Man hat in den letzten 40 Jahren einen großen Fehler gemacht. Man ließ die Studentenzahlen wachsen und hat sich nicht gekümmert, die Mittel im entsprechenden Maße zu steigern. Jetzt steht man vor einem Scherbenhaufen und muss einen Ausweg finden: Nämlich eine vertretbar gute Ausbildung für alle bieten und Spitzenleistungen ermöglichen. Nicht jeder muss von einem Nobelpreisträger unterrichtet werden.

UniStandard: Wie wichtig sind Drittmittel für eine Elite-Uni?

Osterwalder: Um diese wird es eine starke Konkurrenz geben, denn die Besten werden mehr bekommen, solange nicht pseudodemokratische Mechanismen das verhindern.

UniStandard: Was halten Sie vom Elite-Begriff?

Osterwalder: Man sollte ihn in Europa wieder unvoreingenommen aufgreifen, wobei es um eine Leistungselite und nicht um eine Erb- oder Finanzelite gehen soll.

UniStandard: Wie wählt die ETH ihre Studenten aus?

Osterwalder: Wir haben die gesetzliche Verpflichtung, Leute die eine Schweizer Maturität haben bedingungslos aufzunehmen. Alle absolvieren nach dem ersten Semester eine große Prüfung. Für Leute aus dem Ausland haben wir eine Aufnahmeprüfung.

UniStandard: Und wie viele scheitern an der Hürde?

Osterwalder: Die Verlustquote in den ersten Semestern die liegt bei rund 25 Prozent. Das ist wenig, weil es eine Präselektion aufgrund unseres Rufes gibt. Alle, die an die ETH kommen wollen, überlegen sich: 'schaff ich das oder nicht'.

UniStandard: Aber eine Einstiegsprüfung zu Beginn des Studiums ist nicht geplant?

Osterwalder: Wir haben ein Pilotprojekt gestartet, indem wir Kandidaten zu einem freiwilligen Assessment einladen. Wir glauben, dass wir mit ein wenig Beratung die Studenten vor größeren Enttäuschungen bewahren können. (DER UNISTANDARD, Printausgabe, 31.5.2005)

Das Gespräch führte Jan Marot

Zur Person

Konrad Osterwalder (63) ist seit 1995 Rektor der eidgenössisch-technischen Hochschule Zürich.

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ETH Zürich

  • Studenten müssen mehr als einen symbolischen Beitrag leisten, sagt Konrad Osterwalder.
    foto: marot

    Studenten müssen mehr als einen symbolischen Beitrag leisten, sagt Konrad Osterwalder.

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