Galileo: Ein Projekt mit Rekord-langen Geburtswehen

30. Mai 2005, 21:30
posten

Aktueller Stand: System zur punktgenauen Ortsbestimmung auf der Erde wird nicht vor 2011 voll funktionsfähig sein

Berlin - Galileo, das kommerziell wichtigste europäische Raumfahrtprojekt aller Zeiten, hat Startprobleme. Nach dem neuesten Stand der Dinge wird das im Endausbau aus 30 Satelliten bestehende weltumspannende System zur punktgenauen Ortsbestimmung auf der Erde nicht vor 2011 voll funktionsfähig sein - gut zwei Jahre später als geplant. Ursache ist eine zu späte Einigung der Politiker über die Finanzen. Österreich ist jedenfalls "massiv interessiert", eine Rolle beim Aufbau des Satellitennetzes zu spielen, wie der Geschäftsführer der Forschungsförderungsgesellschaft (FFG) und langjährige Chef der Austrian Space Agency (ASA), Klaus Pseiner, betonte.

Ökonomische Zahlenspiele

Stimmen die Wirtschaftlichkeitsberechnungen der Europäischen Union und der Europäischen Weltraumagentur ESA, dann ist es schlicht unverständlich, dass der Aufbau von Galileo so schleppend voran kommt. Alles in allem geht es um 3,2 Milliarden Euro, und jeder investierte Euro soll sich mindestens fünffach rentieren. Allein der bis 2020 erwartete Verkauf von jährlich drei Milliarden Empfangsgeräten soll einen Erlös von mehr als 250 Milliarden Euro bringen. Zudem soll Galileo bis zu 150.000 neue Jobs in Europa schaffen.

Eine Studie der EU-Kommission erwartet von dem satellitengestützten Navigationssystem volkswirtschaftliche Erträge von 74 Milliarden Euro in 20 Jahren. Als Rückfluss an Steuereinnahmen werden 45 Milliarden Euro bis 2025 erwartet. Verglichen damit ist der Aufwand bescheiden. Für die Investitionskosten von 3,2 Milliarden Euro kann man gerade einmal 100 Kilometer ICE-Zugstrecke bauen.

Erster Satellit soll heuer starten

Für den Aufbau des Gesamtsystems haben EU und ESA erstmals ein gemeinsames Unternehmen gegründet, das Galileo Joint Untertaking (GJU). Die Firma hat im Dezember 2004 mit zweijähriger Verspätung den Auftrag für die ersten vier Satelliten erteilt, nachdem die EU-Staaten beschlossen hatten, ein Drittel der Kosten das Gesamtsystems zu übernehmen. Auftragnehmer ist die Firma Galileo Industries, ein Zusammenschluss führender europäischer Raumfahrtunternehmen mit Hauptsitz in Ottobrunn bei München. Ende 2005 soll der erste Satellit in eine Umlaufbahn geschossen werden. Bis Ende 2008 sollen alle vier im Orbit sein und im Zusammenspiel mit der Infrastruktur am Boden die Funktionsfähigkeit des Systems nachweisen.

2011 sollen dann alle 30 Satelliten auf drei verschiedenen Umlaufbahnen in 23.616 Kilometern Höhe die Erde umkreisen - auf jeder Bahn zehn Satelliten in einem Winkel von 56 Grad zum Äquator. Die Zahl der Satelliten, die Lage der Umlaufbahnen und die Inklination stellen nach Berechnungen der ESA sicher, dass jedermann überall in der Welt zu jeder Zeit die Daten von mindestens vier Satelliten empfangen und so seine Position auf den Meter, oft sogar auf den Zentimeter genau bestimmen kann. Damit ist das System wesentlich genauer als das US-amerikanische GPS, bei dem zudem im Zweifel das Militär Vorrang hat, während Galileo unter rein ziviler Führung steht.

Vergabeverfahren noch immer nicht abgechlossen

Während Galileo Industries die ersten Satelliten baut, ist die GJU bemüht, das Vergabeverfahren zur Auswahl des künftigen Betreibers des Systems bis Ende Juni abzuschließen. Um die Lizenz für zunächst 20 Jahre haben sich zwei Konsortien beworben: iNavSat mit deutscher, französischer und britischer Beteiligung sowie Eurely mit italienischen, spanischen und französischen Unternehmen.

"Wir sind massiv daran interessiert, eine Rolle beim Aufbau des Satellitennetzes zu spielen", sagte Pseiner. Wenn eine so große Zahl an Satelliten gebaut werde, könne man es sich nicht leisten, nicht dabei zu sein. Die Vergabe bis auf das Niveau der Subsysteme sei bisher aber noch nicht erfolgt, "wir sind noch im Wettbewerb - und der ist hart". Es gebe einige österreichische Firmen, die Angebote gelegt hätten, eine Entscheidung werde demnächst erwartet. "Es ist dies ein hochattraktiver, aber schwieriger Markt", so Pseiner.(APA/AP)

Share if you care.