Fauler Satirenzauber

30. Mai 2005, 20:52
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Jean-Paul Sartres Kalter-Krieg-Satire "Nekrassow" zerbröselt im Theater Gruppe 80 wie ein altes Baguette

Jean-Paul Sartres Kalter-Krieg-Satire Nekrassow besitzt in etwa die Backfrische einer vor Wochen im Einkaufsnetz vergessenen Baguettestange: Bei der geringsten Berührung - so auch durch die vorsätzlich gut gelaunte von Regisseur Klaus Fischer im Theater Gruppe 80 - bröselt die Backware. Ihr Genuss stiftet Unwillen, und die elendsbreite Darlegung irgendwelcher verbrecherischer Pressemachenschaften (im Paris welcher Dekade eigentlich?) kommt gutherzig daher wie eine fade Eulenspiegelei.

Ein zum Selbstmord finster entschlossener Betrüger (Clemens Matzka) lässt den Sprung in die Seine (an seiner statt hüpfen zwei Clochards) und avanciert auf Druck einer sensationsnotgeilen, natürlich verluderten bürgerlichen Presse zum übergelaufenen russischen Innenminister Nekrassow, der zum wirksamsten Unterpfand jener Vorkriegsstimmung wird, die angeblich im Westen die Geschäfte befördern half.
Nie war Sartre, der heuer sein 100. Wiegenfest gefeiert hätte, näher dran am Klippschulmarxismus. Das Ensemble bügelt den Schematismus der Handlungsführung mit "Spielfreude" aus. Man wohnt einer Art Peter-Brook-Probe bei, wo man einander lustvoll beim Outrieren (Franz Robert Ceeh als Zeitungsherausgeber!) zusieht und Sartre übrigens einen guten Existenzphilosophen sein lässt - und dazu einen zweifelhaften Satiriker. (poh/DER STANDARD, Printausgabe, 31.05.2005)

Theater Gruppe 80
6., Gumpendorfer Str. 67
01/586 52 22
22 Uhr
  • Artikelbild
    foto: gruppe 80
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