Agentenfieber im "profil"

19. Juli 2005, 16:13
11 Postings

Aus aktuellem Anlass bringt das "profil" diese Woche eine Titelgeschichte zum Thema Schlaf ...

... Um den Dornröschen-Effekt auf seine Leser in Grenzen zu halten, bietet das Magazin als Ausgleich einen knallharten Muntermacher: Der frühere FPÖ-Generalsekretär Peter Sichrovsky outet sich als Mitarbeiter des israelischen Geheimdienstes Mossad. Über die Art seiner Tätigkeit schweigt er jedoch.

Das wird dem Mossad ganz schön peinlich sein. Welcher Miesling in den diversen Schurkenstaaten dieser Welt soll noch einen Funken Respekt vor dieser Institution haben, wenn einer ihrer gewieftesten Agenten, dem sogar die Infiltration der nach der Weltherrschaft gierenden Organisation Haider gelungen ist, sich plötzlich mir nix, dir nix schweigend outet, nur weil das Auftauchen einer anonymen E-Mail nicht zu verhindern war, das detaillierte Angaben über seine Arbeit für die FPÖ, seine Kontakte mit israelischen und arabischen Politikern sowie private Vermögensverhältnisse enthielt. Da sagt doch jeder, der Mossad ist auch nicht mehr das, was er einmal war.

Wer außer Sichrovsky diese E-Mail noch gesehen hat, bevor er damit zu "profil" überlief, blieb ebenso ungewiss wie der anonyme Verfasser im Dunkel. Der Ordnung halber sei festgestellt: Ich war 's nicht. Diese Geduld hätte ich einfach nicht, schrieb doch der gemächliche Enthüller in holprigem, fehlerhaftem Englisch: "Wir planen, Sie in einigen Wochen zu kontaktieren."

Diese Indizien könnten darauf hin deuten, dass die Post am ehesten aus dem Dunstkreis der Freiheitlichen kommt. Sichrovsky leugnet nämlich nicht, dass er seiner Partei üppige Spesen verrechnet hat: angeblich insgesamt 500.000 Euro. "Kann schon sein. Ich war ja damals für die Partei viel unterwegs. Schon ein einziger Business-Flug in die USA kostet ein paar tausend Euro". Jetzt, wo angeblich Accessoires der einstigen Obfrau die Partei in Not bringen, will sie ihr Geld zurück, zumal Sichrovskys Business-Flügen in die USA kein nennenswerter Einfluss auf den Absturz der Freiheitlichen in Österreich nachgesagt werden kann. Klar, da kommt es auf einige Wochen nicht mehr an - solange hält die FPÖ schon noch durch.

Wenn es nur ums Geld geht, wie die anonyme Anspielung auf Sichrovskys private Vermögensverhältnisse nahe legt, könnte allerdings auch der Mossad interessiert sein. Der frühere FPÖ-Generalsekretär beteuert zwar, nicht direkt im Sold des Mossad gestanden zu sein. "Es wurden mir nur Auslagen refundiert." Diese Schnorrer! Er habe eine Kreditkarte mit unbegrenztem Rahmen besessen, aber nur für heikle Fälle. Der Mossad-Buchhalter war offenbar von der FPÖ vorgewarnt.

Ein James Bond hätte gewusst, was sich mit einer solchen Kreditkarte anfangen lässt, besonders in heiklen Fällen. Aber Sichrovsky blieb bescheiden: "Ich bin sicher kein James Bond." Auch wenn er einmal knapp davor war. So habe er sich am 11. September 2001, am Tag der Terroranschläge der al-Qa'ida in den USA, zu Gesprächen mit dem syrischen Verteidigungsminister Mustafa Tlass in Damaskus aufgehalten. Er sollte Gerüchte prüfen, wonach Syrien einen Angriff gegen Israel plane. Aus der Prüfung wurde wieder einmal nur ein Business-Flug: "Ich wurde aufgefordert, das Land so schnell wie möglich zu verlassen. Da bin ich mit einem Privatjet nach Zypern geflogen." Hat er den der FPÖ oder dem Mossad verrechnet?

Immerhin, Sichrovsky hat, von Kleinigkeiten abgesehen, die Welt in den letzten Jahren im Lot gehalten. "Israel wollte Jörg Haider als Brücke zu arabischen Ländern, mit denen keine offiziellen Kontakte bestanden, nützen", enthüllt der Brückenbauer zwischen Israel und Jörg Haider dem staunenden Abnehmer von "profil". Er scheute dabei keine Gefahr. Mit dem einstigen Verteidigungsminister von Österreich flog er nach der Regierungsbildung 2000 nach Israel. Die im Endeffekt erfolglose Mission begann heikel. "Scheibner hatte schon Angst, abgeschossen zu werden." Nur die Kreditkarte vom Mossad verhinderte das Schlimmste.

Auch wirklich gefährliche Einsätze waren dabei. "Ich war damals mindestens einmal im Monat in Israel und ging sogar in der Knesset aus und ein", schilderte Sichrovsky das harte Los eines Doppelagenten. Später habe er im EU-Parlament versucht, eine israel-freundliche Lobby aufzubauen. Vor "profil" gab er ferner zu Protokoll, den ersten Besuch von Jörg Haider beim irakischen Diktator Saddam Hussein im Frühling 2002 eingefädelt zu haben. Mitreisen konnte er dann nicht. "Ich habe kein Visum bekommen."

Wirklich gescheitert ist Sichrovsky nur in einem Fall, aber vielleicht handelt es sich auch bloß um das professionelle Mimikry des Mossad-Agenten. Vergeblich habe er versucht, das Image Jörg Haiders im Ausland aufzupolieren . . . "Er hat nie kapiert, worum es damals ging." Damit konfrontiert, zeigt der Unaufpolierte gegenüber "profil" Einsicht in seine Lage. "Wenn er von einem Geheimdienst entsandt worden ist, dann hat er relativ wenig zusammengebracht." (DER STANDARD, Printausgabe, 31.5.2005)

Von Günter Traxler
  • Bild nicht mehr verfügbar
Share if you care.