Gescheiterte Lebensentwürfe

30. Mai 2005, 21:19
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"Letzte Gewissensbisse vor dem Vergessen" von Jean-Luc Lagarce im Eisenhand, Linzer Landestheater

Nicht vergesslich sein, das heißt nicht nur einfach der Vergangenheit dabei zuzusehen, wie sie sich langsam von uns entfernt . . .: Für Jean-Luc Lagarce, der 1995 mit 38 Jahren an Aids verstarb, ein real und literarisch existenzielles Thema. Die Letzten Gewissensbisse vor dem Vergessen machen sich in diesem Fall Pierre, Paul und Hélène. Die drei wollten einst in einem gemeinsam erworbenen Haus am Land dem allzu Bürgerlichen den Rücken kehren. Zwei von ihnen, Hélène und Paul, scheiterten und stiegen aus dem Ausstieg wieder aus, machten Karrieren. Der dritte, Pierre, scheiterte im Bleiben, blieb Professor, aber nur ein kleiner.

Nach vielen Jahren kommen nun die beiden Zurückgegangenen samt neuem Anhang zurück - eigentlich, um die Frage des Hausverkaufs zu klären. Doch daraus wird nichts. Gnadenlos drehen sich die Gespräche im Kreis der Erinnerungen und Anschuldigungen. Diese Dialoge, die von Gerhard Willert, der auch inszenierte, fabelhaft ins Deutsche übertragen wurden, kreieren einige wunderbar angriffige, untergriffige und auch melancholische Szenen.

Nicht zuletzt Dank der großartigen schauspielerischen Leistungen von Karl M. Sibelius als Möchtegern-Zyniker Pierre, Joachim Rathke als Paul und Sabine Martin als resolute Hélène. Eineinhalb Stunden aber tragen sie das Stück nicht. Gerhard Willert entwarf auf der mit Polsterlandschaften versehenen Stufenbühne von Alexandra Pitz ein Flashlight-Szenario wechselnder Kommunikationssituationen. Sensibel und mit sprachlicher Rasanz.

Ein Kaleidoskop von Empfindlichkeiten, Anpassungs- und Widerstandsgesten einer Generation, die mit dem Gegenteil dessen, wovon sie geträumt hatte, individuell erfolgreiche Lebensläufe absolvierte. Wissen wir mittlerweile. So schnell altert die Zeit. . . (kann/DER STANDARD, Printausgabe, 31.05.2005)

Eisenhand
Linzer Landestheater
4020 Linz
0800/218 000
1. 6., 20 Uhr
  • Artikelbild
    foto: landestheater linz
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