Wie man Göttinnen zu Tode reizt

30. Mai 2005, 20:22
posten

Stille Pracht: Koohestanis "Dance on Glasses" bei den Festwochen

Wien - Zunächst scheint selbst dem aufgeschlossenen Zeitgenossen nichts ferner zu liegen als das Festwochen-Gastspiel eines iranischen Theatermachers namens Amir Reza Koohestani: ein gedrungen wirkender Mitzwanziger, der in Dance on Glasses aus der verzweifelten Liebesabhängigkeit eines labilen Mädchens einen meisterlichen Dressurakt hin zum Tode entwirft. Der in der kargen Szenerie einer lang gestreckten Opfertafel aus den Kargheitsbrocken einer vereisenden Unterhaltung das Fanal einer rücksichtslosen Männerkultur einzündet.

Kurz: Das tödliche Duettduell eines schwarz gelockten Tanzlehrers mit seiner schutzbefohlenen Schülerin, die im blauen Tschador mit Zigaretten hantiert und, von ihrem Beschützer zum Tanztraining aufgefordert, eine leise, aufglühende, sodann still verlöschende Aufsässigkeit an den Tag legt - dieses wunderlich feine, von einer Art Zahlenspiel vorangetriebene Duell markiert die äußerste Selbstbeschränkung einer Theaterkunst, die ihr Verstörungspotenzial sozusagen ausflüstert und nicht herausbrüllt.

Einer Kunst, die zwischen den zwei Zuschauertribünen im Dschungel Wien die Umrisse einer hierorts wenig bis gar nicht bekannten Gesellschaft zeichnet (eben der iranischen), in der offenbar säkulare Desorientierung gleich neben rechtgläubiger Demut Wurzeln schlägt, wo modern anmutende Autonomieversprechen für den Einzelnen nur um den Preis abgründiger Verzweiflung zu haben sind.
Unser Tanzlehrer nennt sein Mündel "Shira" - eine androgyne Gottheit der Zerstörung. In der Psychologie nennt man ein solches Phänomen Übertragung: Foroud münzt seine Begierde um, indem er sich zum Beschützer einer Göttin aufwirft. Sie steigt auf dem Tisch über Gläser - und wird sich als Frauenleiche in einem jener orientalischen Gärten wiederfinden, deren florale Üppigkeit und erotisch konnotierte Pracht nichts als Dürre und Vernichtung bereithalten.

Eine Meditation über das Frauenopfer, über die Verklärung unlebbarer Verhältnisse - eine ganz großer, kleiner Abend. (DER STANDARD, Printausgabe, 31.05.2005)

Von Ronald Pohl
Share if you care.