Ohne Schale kein Ausrutscher

30. Mai 2005, 20:13
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Burgstar Gert Voss über Macht und Mode realistischer Theaterkunst

Wien - Ab Mittwoch (1.6.) 18 Uhr, spielt Burg-Star Gert Voss den verknöcherten Eheversehrten Edgar in Strindbergs Totentanz. Im STANDARD-Gespräch äußert er dezidierte Gedanken über "altes" und "neues" Theater - und die Macht des Realitätsprinzips.
Voss: "Ich habe wahnsinnige Schwierigkeiten mit der Debatte, die da ausgebrochen ist: Auf der einen Seite heißt es: ,Das logisch-realistische Theater interessiert uns nicht mehr!' Dann interessiert einen eben auch nicht mehr, einen Autor wirklich zu lesen.

Wie Klaus Michael Grüber einmal gesagt hat: Bin ich überhaupt in der Lage, mich einem Autor gewachsen zu zeigen? Gelingt es mir, seine Sprache zu erfassen - oder erreiche ich nur den Schatten dessen, was er entworfen hat? Wir versuchen mittlerweile ja, jede große Figur in den klassischen Stücken zu zerbröseln, sie unserem Alltagsmüll zuzuschlagen. Sodass wir das Gefühl bekommen, wir könnten in sie hineinkriechen, oder wir nähmen zwangsläufig ihre Identität an. Das heißt, einer Figur die Fantasieräume wegzunehmen."
Was wäre aber der Gegenschluss? Warum traut es sich die jetzige Generation nicht zu, eigene Entwürfe des "Ich", des Selbst, des Individuums zu präsentieren?
Voss: "Ich stelle bei vielen dieser jungen Theaterleute fest, wenn wir dann über Kino reden, dass sie von denselben Filmen fasziniert sind wie ich. Sie zitieren heutiges oder historisches Kino - mit Vorliebe aber den Zynismus solcher Hits wie Pulp Fiction oder Natural Born Killers. Das ist völlig wahnsinnig. Solche Filme besitzen einen ungeheuren ,Realitätsgrad' - eine Schärfe, wie ich sie am Theater immer weniger sehe. Einen Schauspieler wie Harvey Keitel möchte ich auf der Bühne erst einmal sehen: eine solche Durchsichtigkeit und Umrissschärfe, die derart viel Realität enthält."


Museumspflege?

Voss setzt fort: "Jetzt sagen die Heutigen ja, Theater sei, sobald es realistisch wird, ein Museum. Selbst nach Zadek-Inszenierungen wie Rosmersholm erzählen mir Leute: ,Toll gemacht. Aber eigentlich kann ich das nicht mehr ertragen!' Andersherum: Christoph Schlingensief passte mich einmal ab und erklärte, wie sehr ihm die Produktion gefallen habe. Und zwar hätte er sie im Fernsehen gesehen und gedacht, dass die Art von Realität, die auf der Mattscheibe entstanden war, auf der Bühne live unmöglich sei! Umgekehrt ist ihm so etwas wieder zu wenig ,interpretiert'. Peter Zadek bleibt bei Figuren strikt unparteiisch und gibt keinerlei Hilfestellungen."

Was das heißt? Voss: "Das ärgert mich eben: Man will auf dem Theater immer Resultate sehen! Ich finde es hingegen spannend, wenn ich mir selbst ein Resultat ,machen kann'. Auch wenn Dramaturgen sagen, man müsse sich nicht mehr um psychologischen Realismus bemühen, weil das Leben bereits so perfektes Theater sei. Was heißt es, Realität auf die Bühne zu bringen? Wenn ein Schauspieler auf der Probe auf einer echten Bananenschale ausrutscht? Was für ein langweiliger Gedanke. Jeder Mitteleinsatz beinhaltet bereits die Stilisierung. Erschieße ich jemanden auf der Bühne, werden Sie sagen: Gut gemachter Mord! Darin liegt die Verabredung." (poh/DER STANDARD, Printausgabe, 31.05.2005)

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    foto: festwochen
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