"Lass uns ein paar Möwen hören"

31. Mai 2005, 11:51
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Peter Zadek inszeniert Strindbergs "Totentanz" am Akademietheater - Ein rares STANDARD-Interview mit dem Starregisseur

Mit einem virtuosen Starensemble inszeniert Peter Zadek am Wiener Akademietheater derzeit August Strindbergs "Totentanz". Am Mittwoch hat die Produktion Premiere. Dem Berliner Filmemacher Alexander Nanau gab er eines seiner seltenen Interviews.


STANDARD: Sie inszenieren gerade "Totentanz" von Strindberg am Akademietheater mit Gerd Voss, Hannelore Hoger, Peter Simonischek, Johanna Wokalek und Philipp Hauß. Was interessiert Sie im Moment am meisten am Theater?

Zadek: Gerade jetzt interessiert mich Strindbergs Totentanz mit dieser Besetzung. Ich habe diesmal Glück mit fünf virtuosen Schauspielern. Obwohl der eine sehr jung ist, Philipp Hauß, ist er trotzdem virtuos. Voss und die anderen sind natürlich große Virtuosen, wie Musik-Virtuosen. Yehudi Menuhin zum Beispiel. Das heißt, sie können alles. Nur wie bei Yehudi Menuhin will man es oft nicht hören, weil es eben nur gekonnt ist. Der Sprung vom Innenleben, von der Fantasie, der Brutalität und allem, was im Stück passiert, zur Realisierung auf der Bühne ist enorm. Man muss die größten Umwege gehen und bei jedem Schauspieler einen anderen Umweg suchen, um dahin zu kommen.

STANDARD: Wie wichtig, glauben Sie, ist das Theater, das Sie im Moment machen, in einer Gesellschaft, deren öffentliche Probleme sich um Kriege, Kapitalismusdebatten und Abbau von Arbeitsplätzen drehen?

Zadek: Theater soll die richtigen Fragen stellen. Es soll keine Antworten auf diese Art von konkreten Problemen geben. Ein belehrendes Theater ist etwas Schreckliches. Das Heutige interessiert mich nicht weniger als das "Damalige", weil mich die Realität und die Kompliziertheit der Menschen interessiert. Ob sie nun in einer Schlange stehen, um Arbeitslosengeld zu kriegen, oder sich in einem Einfamilienhaus in Stockholm Tische an den Kopf werfen. Es ist immer dieselbe Art von Menschen, weil Menschen so sind. Es sind nur neue Situationen, mit denen man sie konfrontiert. Hat man einen großen Autor wie Strindberg oder Ibsen, konfrontiert man sie eben auf eine komplizierte und interessante Weise.

STANDARD: Früher haben Sie sich mehr damit beschäftigt, mit welchen Situationen und Mitteln Sie das Publikum konfrontieren, um es zu provozieren. Jetzt sagen Sie, dass Sie die Arbeit mit den Schauspielern am meisten interessiert. In Ihren Büchern "My Way" und "Menschen Löwen Adler Rebhühner. Theaterregie" beschreiben Sie diese Arbeit.

Zadek: Viele Leute und andere, auch andere sehr gute Regisseure finden das, was ich mache, sehr umständlich. Sie sagen, warum sagst du nicht einfach "Tritt da bitte auf, tritt in die Mitte von der Bühne und lache, weil du es nämlich komisch findest." Aber ich sage das nicht, sondern erzähle dem Schauspieler eine Geschichte darüber, was er da draußen gemacht hat und so. Ich warte darauf, dass es ihm selber einfällt, da reinzukommen, und dann setzt er sich hin und weint. Das ist der spannende Moment für mich, wenn ich denke: Warum weint er? Komisch, ich dachte, er würde lachen.

Gestern gab es im Totentanz eine solche Situation. Der Totentanz spielt am Meer. Ich sagte zum Tonmann: "Lass uns ein paar Möwen hören." Er hatte gerade keine und suchte. Mittlerweile warteten wir, und ich sagte zu Hannelore Hoger: "Kannst du eine Möwe nachmachen?" Sie machte ungefähr fünfzehn verschiedene Möwen nach. Schließlich kam der Tonmann mit seiner Tonmöwe, die wir dann einspielten, und ich sagte zu Hannelore, sie könnte das doch auch mal in der Rolle machen. Sie sagte: "Nein!"

Wir probierten weiter, und es gibt im Stück einen Moment, in dem die Frau denkt, dass der Alte, der Hauptmann, ihr Mann, tot ist, und sie jetzt frei ist. Da springt sie auf und sagt "frei, frei, frei", und da schrie Hannelore plötzlich wie eine Möwe. Das war so etwas von toll. Ich weiß nicht, ob sie es je wieder machen wird. Aber so entstehen die Dinge. Sie entstehen durch Fantasie. Ich bin nicht auf die Probe gegangen und habe gedacht, also heute verwandeln wir Hannelore Hoger in eine Möwe.

Es könnte sein, dass dieser Moment der spannendste des Abends wird. Es könnte jedoch auch passieren, dass er übermorgen wieder gestrichen wird. (DER STANDARD, Printausgabe, 31.05.2005)

Zur Person

Peter Zadek
, 1926 in Berlin geboren, 1933 emigriert, zählt seit den 50er-Jahren zu den wichtigsten Regisseuren des deutschsprachigen Theaters. In Wien inszenierte er zuletzt Tennessee Williams' "Die Nacht des Leguan".

Ohne Schale kein Ausrutscher
Burgstar Gert Voss über Macht und Mode realistischer Theaterkunst
  • Gezeichnet vom Eheermüdungskrieg in August Strindbergs Festungsturm: Gert Voss in Peter Zadeks "Totentanz"-Inszenierung, ab Mittwoch im Akademietheater.
    foto: festwochen

    Gezeichnet vom Eheermüdungskrieg in August Strindbergs Festungsturm: Gert Voss in Peter Zadeks "Totentanz"-Inszenierung, ab Mittwoch im Akademietheater.

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    Auf Menschen­erkundungs­fahrt: Regisseur Peter Zadek.

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