Frauen als Zentrum des Kreises - Margit Sára im STANDARD-Interview

30. Mai 2005, 13:38
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Die Nanobiotechnologin an der Wiener Boku und Forscherin des Monats Juni über die Rolle der Frau an den Unis, den Alltag mit Kind in einer männlich dominierten Forscherwelt und über das Gefühl, dennoch emanzipiert zu sein

STANDARD: Woran arbeiten Sie derzeit am Institut für Molekulare Nanobiotechnologie?

Sára: Wir arbeiten mit Strukturen von Bakterienzellen, den so genannten S-Schicht-Proteinen. Wir entwickeln Matrizen, die Substanzen, z. B. im Blut von Patienten mit Autoimmunerkrankungen, herausholen. Neben der Biosensorentwicklung ist ein wesentlicher Bereich die Herstellung von mit S-Schicht-belegten funktionalisierten Lipidvesikeln, die zur gezielten Abgabe von Medikamenten eingesetzt werden sollen.

STANDARD:Sie haben Mikrobiologie studiert. Das war früher für eine Frau eher ungewöhnlich. Hatten Sie diesbezüglich weibliche Vorbilder?

Sára: Ich habe sehr früh schon über Liese Meitner und Marie Curie gelesen. Das hat mich schon sehr beeindruckt, wie ich in einem Buch diese hochschwangere Frau im Labor stehen gesehen habe. Und dass jemand mit so viel Enthusiasmus und größerer Intensität als ihr Mann an die Sache herangeht, um wissenschaftliche Erkenntnisse zu gewinnen.

STANDARD: Wie ist eigentlich die Geschlechterverteilung an der Boku?

Sára: Die Boku war zu meiner Studienzeit eine männerdominierte Welt. Ich weiß nicht, ob heute noch, aber es gab Institute, die keine Frauen beschäftigten. Vielleicht Sekretärinnen. Heute sind am Institut zumindest 60 Prozent Frauen, in meiner Arbeitsgruppe über 80 Prozent. Ich habe vor der Geburt meines Sohnes sehr hart gearbeitet und mich aus diesem Grund schon mit 32 habilitieren können. Als ich 33 war, kam mein Sohn zur Welt. Ich glaube, danach hätte ich es nicht mehr geschafft. Mit Kind ändert sich alles schlagartig. Man kann nicht mehr unbegrenzt am Institut sein. Besprechungen, die um fünf Uhr beginnen, kann man nicht mehr nachkommen.

STANDARD: Haben Sie nach der Karenz am Institut eine negative Stimmung gespürt?

Sára: Sagen wir so: Ich habe es nicht gewagt, ein einziges Mal Pflegeurlaub zu nehmen. Ich habe sehr hart weitergearbeitet. Diskriminierung habe ich nicht von oben gespürt. Bei meinen männlichen Assistenten-Kollegen hingegen hatte ich schon manchmal den Eindruck, es wäre ihnen recht gewesen, wenn ich nach der Karenz das Feld verlassen hätte. Es war wirklich eine harte Zeit: Mein Sohn war sehr lebhaft, hat wenig geschlafen, war viel krank, hat Nächte durchgehustet, und ich musste am Institut trotzdem präsent sein. Strukturell erscheint mir persönlich wichtig, dass qualitativ hochwertige Kinderbetreuungseinheiten geschaffen werden - keine Kinderabgabestellen. Ich sehe es bei meinen Mitarbeiterinnen. Die überlegen sich schon, ob sie ein Kind haben sollen.

STANDARD: Ein Vergabekriterium der Auszeichnung ist ein spezifischer Beitrag zur Stärkung von Frauen. Inwiefern haben Sie dazu beigetragen?

Sára: Ich war selber sehr überrascht über die Auszeichnung. Wenn ich aber den Kasten öffne und mir die Diplomarbeiten und Dissertationen anschaue, dann ist wirklich ein Großteil von Frauen. Insofern denke ich, ich habe sie doch gefördert.

STANDARD: Haben Sie das bewusst gemacht?

Sára: Ich habe zwischen den Geschlechtern keinen Unterschied gemacht. Aber ich habe mich schon bemüht, dass die Studentinnen während und nach der Dissertation bezahlt bekommen. Bei den weiblichen Mitarbeiterinnen hat es im Übrigen nie Probleme mit der Arbeitsmoral gegeben, manchmal aber wohl bei den männlichen. Irgendwo habe ich gelesen, dass sich die Frauen eher als Zentrum des Kreises und weniger als Spitze der Pyramide sehen. Alleine geht heutzutage nichts mehr. Entscheidend ist das Team.

STANDARD: Frauen in Naturwissenschaften und Technik sind eigentlich sehr privilegiert, wenn man es z. B. mit den Geisteswissenschaften vergleicht. Da sind mehr Gelder und gleichzeitig weniger Frauen, die sich konkurrenzieren.

Sára: Im Vergleich zu früher sind relativ viele Frauen im naturwissenschaftlichen Bereich tätig. Viele können sich habilitieren, bekommen aber keine fixe Stelle und finanzieren sich per Selbstantrag beim Wissenschaftsfonds (FWF) oder aus den spezifischen Frauenförderprogrammen. Das kann man aber nicht über eine längere Zeit machen. Der Verdienst ist ja auch auf einem bestimmten Niveau eingefroren. Es gibt mittlerweile zwar die Möglichkeit eines Senior-Postdocs. Aber das ist es dann auch. Es kann nicht sehr motivierend sein, wenn man 15 Jahre auf einer Postdoc-Stelle sitzt und weiß, es ist eigentlich keine Möglichkeit, zumindest auf der Uni eine Dauerstelle zu bekommen, weil die meisten eingefroren sind.

STANDARD: Gibt es da im Vergleich zu früher eine Verschlechterung?

Sára: Ja, weil die Anzahl der Studierenden generell gestiegen ist. In den Achtzigerjahren und danach sind etliche Planstellen geschaffen worden, und dann plötzlich war es aus. Die Stellen sind mit Leuten meines Alters für die nächsten 15 Jahre eingefroren. Gott sei Dank hat der FWF jetzt doch mehr Geld, und es gibt die Möglichkeit des Selbstantrages. Die Industrie ist in Österreich ja auch nicht so entwickelt, dass man sofort einen Arbeitsplatz bekommt.

STANDARD: Sie haben viel in Österreich gearbeitet. Andere gehen weg - warum sind Sie geblieben?

Sára: Warum flüchten die anderen? Ich glaube, in Österreich fehlt es an Flexibilität, gute Leute wirklich zu halten. Die gehen dann einfach in die USA und kommen auch nicht mehr zurück. Es müssten mehr Stellen an den Universitäten geschaffen werden. Die Finanzierungslücke ist zwar evident. Dennoch hätten die Universitäten als bildungspolitisches Instrumentarium eine Verantwortung.

STANDARD: Sind Sie Feministin?

Sára: Nein, das glaube ich nicht. Emanzipation war für mich nie wirklich ein Thema, weil ich mich immer emanzipiert gefühlt habe. Ich diskriminiere die Männer auch nicht. Ich halte aber viel von der weiblichen Intuition, die mir auch in der Forschung sehr viel genützt hat.

STANDARD: Wo sehen Sie sich in der näheren beruflichen Zukunft?

Sára: Manchmal möchte ich eigentlich etwas ganz anderes machen. Irgendwie würde mich genau das Gegenteil, das Mystische, anziehen. Ob ich die Leitung eines Instituts anstrebe, da bin ich mir eigentlich nicht sicher. Ich war 2002 monatelang krank. Gewisse Dinge verlieren an Bedeutung. In der Zeit habe ich mein Interesse für Geschichte, Kunst und Literatur wieder entdeckt. Ich habe mich über Jahre hindurch selbst vergessen, und das hat sich einfach gerächt. Und dennoch: Nach zehn Monaten Krankheit war es mir ein dringendes Bedürfnis, wieder in die Berufswelt, die Normalität des Lebens zurückzukehren. Man hat mir damals gesagt, dass ich beim Reden über meine Arbeit unglaublich beseelt wirke und dass man so etwas nicht liegen lassen darf. Und ich habe es nicht bereut, zurückgekehrt zu sein. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 30. 5. 2005)

Die Fragen stellte Karin Eckert.
  • Margit Sára über die Abwanderung heimischer Forscher: Es fehlt an Flexibilität, gute Leute zu halten.
    foto: der standard/regine hendrich

    Margit Sára über die Abwanderung heimischer Forscher: Es fehlt an Flexibilität, gute Leute zu halten.

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