"Verschanzt hinter Schild der Religiosität"

30. Mai 2005, 19:33
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Shirin Ebadi zu Gast in Österreich: Zivilgesellschaften in muslimischen Ländern stärken

Wien - Die Analyse der Friedensnobelpreisträgerin Shirin Ebadi ist ernüchternd. "Viele muslimische Gesellschaften sind in puncto Beachtung der Menschenrechte und Demokratie bis jetzt nicht im 21. Jahrhundert angekommen", sagte Ebadi am Montag bei einer Konferenz zum Thema Zivilgesellschaft in der muslimischen Welt, in der Diplomatischen Akademie in Wien.

Den Grund dafür dürfe der Westen aber nicht im Islam selbst suchen. "Der Missbrauch der Religion durch die Machteliten verhindere ein Vorankommen", so Ebadi. Die Diktaturen in der muslimischen Welt würden sich hinter "dem Schild der Religiosität verschanzen" und können so jede politische Kritik als antiislamisch bekämpfen.

Die Möglichkeit zu wählen allein genüge für einen politischen Aufbruch nicht. Daher sieht die Iranerin auch keinen Grund für Euphorie nach der Einführung des Frauenwahlrechts in Kuwait. Das Parlament müsse erst beweisen, ob es wirklich mit der Stimme des Volkes sprechen könne oder nur der Regierung gehorche. Erneut bekräftigte Ebadi, dass sie die iranischen Präsidentschaftswahlen am 17. Juni boykottieren wolle.

Da der Wächterrat, die oberste Instanz im Iran, viele liberale KandidatInnen zurückgewiesen hat, würde sie mit ihrer Teilnahme nur einen undemokratischen Urnengang unterstützen. Ebadi und Professor Bassam Tibi, der auch an der Tagung teilnahm, forderten eine Stärkung der Zivilgesellschaften in der muslimischen Welt. Militärische Interventionen seien dagegen nicht hilfreich. (szi, DER STANDARD, Print, 31.5.2005)

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    Shirin Ebadi
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