Kontrolle durch Konkurrenz

25. Oktober 2006, 14:00
3 Postings

Wie sich die Zukunftskommission des Zukunftsministeriums unsere Zukunft vorstellt: Das schlingernde Schiff Schule soll durch Controlling- Verfahren wieder auf Kurs gebracht werden - ein Kommentar der anderen

Irgendwie mag ich das Wort "Zukunftskommission" nicht. "Zukunftsministerium" gefällt mir noch weniger. Ob da Erinnerungen an frühe Lektüren (z. B. Orwell, "1984") mitspielen? Wie auch immer. Jedenfalls muss konzediert werden, dass die fragliche Kommission ganze Arbeit geleistet hat. Der rund hundert Seiten starke Bericht repräsentiert den neuen Geist der Führung von Organisationen und Institutionen geradezu hologrammartig.

Das Bildungssystem wird neuen Formen der Steuerung unterworfen. Gesteuert wird nicht mehr über so genannte Inputs, also über Verordnungen, Erlässe und diverse andere Anordnungen. Diese greifen bzw. griffen schon lange nicht mehr. Die neue Form der Steuerung nennt sich Output-Steuerung. In der Wirtschaft heißt das bekanntlich "management by objectives". Der dahinter stehende Grundgedanke ist biblisch. An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen: die guten Schulen nämlich, die guten Lehrer, die guten Schüler.

War es bisher doch ziemlich strittig, was eine gute Schule eigentlich ist, erst recht, was einen guten Lehrer ausmacht, so dürfte PISA das Problem zu lösen imstande sein. Gute Schulen sind ab jetzt schlicht diejenigen, die im Pisa-Test gut abschneiden. Intelligenz - so formulierte es einmal ein pfiffiger Kopf - ist das, was der Intelligenztest misst. Deshalb sind die Angelpunkte des vorliegenden Papiers im Wesentlichen das so genannte Qualitätsmanagement, also Qualitätsentwicklung und Qualitätssicherung, wobei natürlich Qualität nur gesichert werden kann, wenn sie stetig weiterentwickelt wird.

Konsequent spricht das Papier daher vom "Qualitätssicherungszyklus". Eine kybernetische Angelegenheit. Was es nach Ansicht der Kommission in Zukunft nicht mehr geben soll, sind nicht kontrollierte Schulen, also Schulen, die sich die Vorgaben des Erhalters nicht zum "ureigenen Anliegen" machen, welche nicht permanent an ihrer eigenen Verbesserung arbeiten. Zuzugeben ist hier jedenfalls, dass der Steuerungsebene in den letzten Jahrzehnten einiges aus dem Ruder gelaufen sein dürfte. Das schlingernde Schiff soll wieder einen deutlichen Kurs nehmen.

"Zukunftskommission stärkt Regierungskurs" heißt es auf dem Deckblatt des Papiers. Die bisherigen kritischen Kommentare zum Bericht der Kommission bezogen sich im Wesentlichen auf einen leicht korrigierbaren Fehler, nämlich den Vorschlag der Kommission zur Reform der Lehrerausbildung. Selbstverständlich ist es Unfug, die Lehrerausbildung mit einem sechssemestrigen Pädagogikstudium (Abschluss "Bachelor Päd.") an den neuen Pädagogischen Hochschulen beginnen zu lassen und die Fachausbildung (viersemestriges Masterstudium) universitär anzuschließen. Wie ein junger Mensch, der z. B. Lehrer für die Sekundarstufe II werden will, in vier Semestern Mathematik und Physik so studieren soll, dass er das, was er später vermitteln soll, auch selber versteht, bleibt ein Rätsel.

Dieser korrigierbare Lapsus dürfte schlicht dem Fachegoismus der Kommissionsmitglieder geschuldet sein, demnach das Pädagogische wichtiger sein soll als die Inhalte des Unterrichts. Eine Ansicht übrigens, die derzeit - über Pädagogenkreise hinaus - weit verbreitet sein dürfte. Seit Langem nämlich schon hat sich in unserer Gesellschaft, welche sich in frivoler Weise "Wissensgesellschaft" nennt, eine gewisse Verachtung, zumindest Geringschätzung dem Wissen gegenüber breit gemacht.

Ablesbar ist dies z. B. an den Floskeln des nicht nur pädagogischen, sondern allgemein gesellschaftlichen Sprachgebrauchs. Man denke nur an die Rede von der "Wissensexplosion", von der so genannten "Halbwertszeit" des Wissens oder an die mittlerweile schon etwas abgestandene irrige These von der "Verkopfung" unserer Gesellschaft. Aus den merkwürdigen Prämissen, dass sich das Wissen einerseits exponential vervielfache und andererseits aber zunehmend schneller veralte, hat man ja bekanntlich den Schluss gezogen, dass unsere Kinder eher das Lernen lernen sollten und nicht so sehr mit konkreten Inhalten belastet werden sollten.

Denn wer das Lernen gelernt habe, der könne dann auch das, was er sowieso müsse, nämlich lebenslang lernen. Diese Aversion gegen fachliches Wissen zeigt sich auch im Vorschlag der Kommission, auf die fachlich distinkte Ausbildung von Lehrern für die Sekundarstufe I (HS und AHS-Unterstufe) weit gehend zu verzichten und sie stattdessen für ganze "Fächerbündel" zuzurüsten. Für eine gewisse Flachheit in der Ausbildung scheint also gesorgt.

Aber - nochmals - das ist korrigierbar. Das nicht Korrigierbare an dem Papier dürfte dagegen die neue Steuerungsstrategie sein, der das Bildungswesen ab nun unterzogen wird. Denn erstens handelt es sich dabei nicht um einen Fehler (nur Fehler sind korrigierbar). Und zweitens liegt hier ein ganzer Komplex von wohl durchdachten Maßnahmen vor, der im Grunde dem neuen (neoliberalen) Modell der politischen Steuerung von Gesellschaften und ihrer Institutionen affin ist.

Wer sich über das Zukunftspapier der ZK wundert oder auch ärgert, sollte einen Blick in das mittlerweile schon fast zehn Jahre alte Weißbuch der EU-Bildungskommission werfen. Dort ist längst beschlossen, was hier bloß umgesetzt werden soll. Der Vorgang, dem wir hier beiwohnen, ist derjenige, den übrigens Michel Foucault und Gilles Deleuze als die Transformation der Disziplinargesellschaften in die neue Form der Kontrollgesellschaft beschrieben haben.

Dieser Vorgang ist im Wesentlichen dem Brüchigwerden der disziplinargesellschaftlichen Ordnungen, einer Erosion der gesellschaftlichen Institutionen durch Auflösung der alten Autoritätsverhältnisse geschuldet. Schon seit mehreren Jahren werden ja bekanntlich Institutionen der ehemaligen staatlichen Hoheitsverwaltung "ausgelagert", in die Autonomie "entlassen", dafür aber neuen Kontrollverfahren unterzogen. Sie werden evaluiert und an ihren Zielen gemessen. Dafür stehen ja die neuen "Ziel- und Leistungsvereinbarungen".

Verträge binden eben fester als ein bürokratisches Regime von Verfügungen, Erlässen und Verordnungen. Die betriebswirtschaftlichen Controllingverfahren halten nun auch in den Institutionen der Sozialfürsorge, in den Volkshochschulen, Hochschulen, Museen und - warum nicht? - auch in den Schulen Einzug. Vielleicht hat man deswegen 2003 tausende Lehrer in den Vorruhestand geschickt, weil mit den alten Typen die neuen Methoden der Steuerung nicht durchführbar gewesen wären.

Die neuen und jungen Lehrer werden da sicher mitspielen, weil ihnen (erstens) nichts anderes übrig bleiben wird und weil sie (zweitens) nichts anderes kennen werden und auf die neuen Verfahren schon in ihrer Ausbildung vorbereitet worden sind. Überdies und drittens versprechen die Reformen auch Aufstiegsmöglichkeiten in der Schulhierarchie, die es zuvor so nicht gegeben hat: Man kann dann als Qualitätsmanager seine Kollegen evaluieren.

Ein neuer lebendiger Geist beseelt also die trägen, alten Institutionen. Es ist derjenige, der die Wirtschaft in Gang hält: der Geist der Konkurrenz. Konkurrierende Schulen, konkurrierende Lehrer, konkurrierende Schüler. Nichts ist es mehr mit dem alten und ohnehin fragwürdigen Geist der Gemeinschaftlichkeit. Teamfähigkeit ist angesagt, und diese dient der Konkurrenz. Wofür sollte sie sonst gut sein? Das Bildungssystem wird einem einzigen großen Lernziel unterstellt: der Konkurrenzfähigkeit.

Pisa war da nur der gekonnt platzierte Anlass. Wenn die Zukunftskommission treuherzig versichert, dass das Schwergewicht ihrer Vorschläge auf der "Verbesserung des Unterrichts" und damit der Qualitätssicherung liege und nicht auf dem "Umbau des Systems", so ist das zwar verständlich, allerdings nicht ganz glaubwürdig. Im Vergleich zu dieser einschneidenden Reform der Systemsteuerung wäre die Einführung der Gesamtschule eine minimale Retusche. Man bräuchte nur die Bezeichnungen über den Schulportalen ändern. Im Inneren dürfte aufgrund der wortidenten Lehrpläne zwischen AHS-Unterstufe und Hauptschule ohnehin kein Unterschied feststellbar sein. (DER STANDARD-Printausgabe, 30.5.2005)

Von Alfred Schirlbauer

Der Autor ist Professor für Pädagogik an der Universität Wien
Share if you care.