Erinnerungen an das Neue

29. Mai 2005, 21:58
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Das Österreichische Filmmuseum bietet die einmalig umfassende Schau "Brasilien: Cinema Novo und tropische Moderne 1926-2003"

Wien - Eine Szene aus Sao Paolo in den 70ern: Werktätige haben sich versammelt. Der beste Arbeiter des Jahres soll ausgezeichnet werden. Er tritt vor, nähert sich dem Chef und sticht ihm ein Messer in die Seite. Die Modernisierung von Brasilien verläuft nicht im Gleichschritt von Arbeitgebern und Arbeitnehmern. Am nächsten Tag ist das Bild des Mörders da Silva in allen Zeitungen, aber nicht er wird gejagt, sondern Deraldo, ein Straßenpoet, der zum Opfer einer Verwechslung wird.

Er ist O homen que virou suco - in dem Film von Joao Batista de Andrade aus dem Jahr 1979: Der ausgequetschte Mensch. In der einmalig umfassenden Schau Brasilien. Cinema Novo und tropische Moderne 1926-2003 des Österreichischen Filmmuseums fungiert O homen que virou suco als ein wichtiges Gelenk. Er steht für den Übergang vom kritischen Autorenkino zum Mainstreamkino.

Das brasilianische Kino war die längste Zeit im doppelten Sinn kolonisiert: Hollywood beherrschte den Markt, und die undemokratischen Regierungen gaben dazu ihren Segen. Als 1963/64 drei zentrale Filme eines Cinema Novo nahezu gleichzeitig auf den Markt kamen, bedeutete dies eine politisch-ästhetische Revolution: Os Fuzis (Die Gewehre) von Ruy Guerra, Vidas Secas (Trockenes Leben) von Nelson Pereira dos Santos und Deus e o diabo na terra do sol (Gott und Teufel im Land der Sonne) von Glauber Rocha erzählten von den Armen im Nordosten, von deren Agonie und von den Hoffnungen auf ein Wunder, das der christliche Gott (und die afrikanischen Götter) wirken würden.

Guerra stellt Soldaten in den Mittelpunkt, die in ein Dorf kommandiert werden, um dort den Abtransport der Zwiebelernte zu bewachen. Sie bewegen sich unter den Blicken der Einheimischen, gehen Liebschaften und Scharmützel ein, streiten über ihre Loyalitäten. Os Fuzis ist eine Allegorie auf die Militärdiktatur, auf ein korruptes System und eine Profitwirtschaft, in der die Waren an den Bedürftigen vorbeitransportiert werden.

Der lokalen Subsistenzökonomie dörren in der Zwischenzeit die Grundlagen weg. Die Intellektuellen stellten eine Unrechtssituation auf nationaler wie internationaler Ebene fest, gegen die sie die Volkskultur mobilisieren wollten. Der "tropische Multikulturalismus" (Robert Stam) mit seinen Ausprägungen in der Musik (Samba, Forró), in der Religion (Xango, Voodoo, Heiligenkult), im Sport (Fußball), in der Literatur (magischer Realismus) und die Zusammenfassung aller dieser Phänomene im Karneval stellt das Kino vor eine Herausforderung der Fülle.

Die Theoretiker des Cinema Novo reagierten darauf mit einer "Ästhetik des Hungers" (Glauber Rocha), einem armen Kino, zerstritten sich aber über der Frage der Popularität. Nelson Pereira dos Santos drehte kommerziell erfolgreiche Filme wie O amuleto de Ogum (Das Amulett von Ogum), während Glauber Rocha immer komplexere Collagen fabrizierte, die in A dragão da maldade contra o Santo Guerreiro (Antonio das Mortes) ihren Höhepunkt erreichten:

Der Söldner Antonio schlägt sich hier auf die Seite der Guerillas (Cangaçeiros), eine politische Wende bleibt jedoch aus. Rocha entwickelt diesen Para-Western aus einer Parade heraus, führt also eine symbolische Form in eine andere über und gibt seinem Kino damit ein repräsentationskritisches Motiv.

Als für den brasilianischen Film nach 1995 eine neue Erfolgsgeschichte begann, die nicht zuletzt durch Steuerabschreibungen großer Wirtschaftsunternehmen möglich wurde, stand diese auch im Zeichen des Revisionismus: Die Probleme des Cinema Novo galten als überwunden durch politische Demokratisierung und wirtschaftlichen Aufschwung. Die Verdrängungen in diesem Prozess erfährt nun gerade ein "linker" Präsident wie Luiz Inácio Lula da Silva, der in dem Kurzdokumentarfilm Greve! (Streik!, 1979) von João Batista de Andrade noch als Gewerkschaftsführer zu sehen ist. Er wird in der Hauptstadt von den Campesinos heimgesucht, aus deren Leben das Cinema Novo jene tropische Moderne zu erschaffen suchte, die das Filmmuseum nun zum ersten Mal in ihrer ganzen visionären Vielfalt zugänglich macht.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 30.5.2005)

Von Bert Rebhandl

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filmmuseum.at

Bis 26. Juni

  • Der Streifen "Deus e o diabo na terra do sol" von Glauber Rocha erzählt von den Armen im Nordosten Brasiliens und von den Hoffnungen auf ein Wunder.
    foto: filmmuseum

    Der Streifen "Deus e o diabo na terra do sol" von Glauber Rocha erzählt von den Armen im Nordosten Brasiliens und von den Hoffnungen auf ein Wunder.

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