Ein halber Theaterwanderabend

29. Mai 2005, 20:55
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David Maayan holte für die Festwochen zersprengte Biografien an den "Familientisch"

Wien - Die Erfahrungen von Migration in einem Theaterprojekt zu bündeln, das war für den israelischen Autor David Maayan, Gründer des berühmten Akko-Theaters, einmal mehr eine künstlerische wie zugleich biografische Entscheidung. Persönliches Material ist in seinen Arbeiten generell der dramatische Motor. Als Artist in Residence am Wiener Schauspielhaus und in Koproduktion mit den Wiener Festwochen rief Maayan Menschen mit zersprengtem Zuhause an den Familientisch, und dieser bot ganz unterschiedlich Verdaubares: leichte Stadtspaziergänge im ersten Teil, schwere Pathoskunst im zweiten Teil - und echte Gnocchi!

Partielle Wiener

Elf Menschen, deren familiäres Leben in Wien einmal seinen Ausgang nahm oder von anderswo auf diese Stadt zulief, berichten exemplarisch aus dem Bewusstsein eines mobil gewachsenen Zuhauses, auch im positiven Sinn einer modernen globalen Gesellschaft.

Ihnen, diesen Halb-, Viertel-oder Achtel-Wienerinnen und -Wienern folgt man an diesem Theaterwanderabend simultan in zugeteilten Gruppen zu Plätzen dieser Stadt, die für die jeweiligen Personen familiengeschichtlich von Bedeutung sind. Von den insgesamt elf, im Programmheft kurz angerissenen Geschichten bleiben einem daher zehn performancemäßig gänzlich unbekannt.

Die Familiengeschichte von Anna Mendelssohn erstreckt sich zwischen Wien und London. Als Enkelin der österreichischen Schriftstellerin und Kritikerin Hilde Spiel führen sie die biografischen Boxenstopps ihres Spaziergangs u. a. zum Sigmund-Freud-Museum, zum Café Landtmann (auf einen schnellen Teller "Baked Beans") und zum Burgtheater (wo soeben, es ist 1988, Hilde Spiels Identitätsdrama Anna und Anna Uraufführung feiert).

Im nahe gelegenen Theseustempel schließlich läuft ein groß projiziertes Familienvideo, in dem immer wieder vergeblich nach "Anna" gerufen wird. Anna Mendelssohn tritt als Schattenfigur in diese überdimensionierte Homestory und packt aus ihrem für alle obligatorischen Reisekoffer Miniaturgegenstände als Erinnerungsstücke ihrer zersprengten Kindheit aus.

Eine heitere, kluge und liebevoll gemachte Begehung, die maßvoll die Grenzen des öffentlichen Raumes abtastet: Anna Mendelssohn trägt unterwegs das Haus sicherheitshalber gleich am Kopf (übergestülpt); mit Getto-Blaster und bunten Regenschirmen bestückt, marschiert ihr Publikum neugierig hinterher.

Die Zusammenführung aller beteiligten Gruppen zu einem integralen zweiten Teil, zu einer globalen Familie an eben jenem überdimensionalen quadratischen Familientisch, der zugleich Bühne für gemeinsame Gesänge der Darsteller ist (Bühne und Licht: Gernot Sommerfeld, Michael Zerz, Maayan), glückt dann allerdings nicht. Da schafft der Abend kein Brücke, da versinkt die Kunst im emotionalen Pathos.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 30.5.2005)

Von
Margarete Affenzeller

Bis 29. Juni

  • Der Bahnhof als "Hauptwohnsitz" von Migranten: Anna Mendelssohn sucht ihre Familie.
    foto: n. mangafas

    Der Bahnhof als "Hauptwohnsitz" von Migranten: Anna Mendelssohn sucht ihre Familie.

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