Kopf des Tages: Optimistische Töne vom "Vater der Verfassung"

31. Mai 2005, 19:00
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Giscard d'Estaing hatte sich vor dem EU-Referendum noch offensiv optimistisch zu Wort gemeldet

In der politischen Treibhausatmosphäre, die seit Wochen in Frankreich herrschte, hat sich Giscard d'Estaing anders als andere Politiker vor dem EU-Referendum offensiv optimistisch zu Wort gemeldet. Die Franzosen würden mit Ja stimmen, meinte der ehemalige Präsident der Republik in der Vorwoche, weil sie wüssten, dass sie sich mit einem Nein ein "Eigentor" schießen würden. Und, so Giscard, er erwarte ein Votum, das so überraschend sei wie der Sensationssieg von Liverpool über den AC Milan in der Champions League. Gründlicher hätte sich Giscard kaum verschätzen können. Dass sich ein Mann mit einem aristokratischen Habitus wie Giscard d'Estaing als Connaisseur einer Sportart wie Fußball outet, kommt doch ein wenig überraschend. Immerhin kann die Familie, in die Valéry 1926 geboren wurde, ihren Stammbaum bis ins Jahr 1214 zurückverfolgen, ist also mit der kostbaren Patina einer langen Historie überzogen. Der Vater des nachmaligen Präsidenten war hoher Finanzbeamter in der Auvergne, der in der Zeit zwischen den Weltkriegen für das französische Hochkommissariat im besetzten Rheinland tätig war.

Valérys Karriere begann dort, wo die Karriere fast aller hochrangigen französischen Politiker beginnt: an der Elitehochschule ENA. 1952 trat er ins Finanzministerium ein, er wurde bald Abgeordneter zur Nationalversammlung und hatte in den 60ern verschiedene Ministerposten inne, zuletzt den eines Finanzministers unter Georges Pompidou. 1974 wurde er knapp zum Staatspräsidenten gewählt, ein Amt, das er nach Affären und wachsender Unpopularität an seinen sozialistischen Gegner Fran¸cois Mitterrand verlor. 1989 bis 1994 lieferte Giscard d'Estaing ein erstes politisches Comeback als Abgeordneter im EU-Parlament.

Sein Versuch, Frankreich eine wirtschaftsliberale Reformpolitik zu verordnen, brachte ihn auf Konfrontationskurs mit Jacques Chirac, der sein politischer Erzfeind bleiben sollte. Als Giscard - er ist seit 1952 mit Anne-Aymone de Brantes verheiratet und hat vier Kinder - 2001 zum Präsidenten des EU-Reformkonvents gewählt wurde, hatte Chirac viel Vorarbeit geleistet, um ihm den Posten in Brüssel zu verschaffen. Nicht nur, um Frankreichs Interessen zu wahren, sondern wohl auch, um einen Kritiker in die Ferne zu schicken.

Die Art, wie Giscard seinen Job als Konventschef ausübte, war umstritten. So wurde etwa der Vorwurf laut, er agiere nicht als ehrlicher Makler europäischer Interessen. An der proeuropäischen Haltung Giscards besteht dennoch kein Zweifel. Wenn er kurz vor Torschluss einen Sieg der Ja-Sager prophezeit hat, dann war sicher der Wunsch der Vater des Gedankens. Beim Referendum am Sonntag hat allerdings auch das Wünschen nichts mehr geholfen. (DER STANDARD, Printausgabe, 30.5.2005)

Von Christoph Winder
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    Valéry Giscard d'Estaing, Ex-Präsident und Vorsitzender des EU-Konvents

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