Zum Vergnügen: Passanten niederprügeln

29. Mai 2005, 22:41
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"Happy Slapping" ist der neue Zeitvertreib vieler britischer Jugendlicher - Einhauen, filmen und wegrennen

London - Ein Abend im Mai, es ist noch taghell, die Attacke kommt wie der Blitz aus heiterem Himmel. In Blackley nahe Manchester geht Becky Smith durch stille Vorstadtstraßen nach Hause. Sie merkt noch, wie jemand sie von hinten anspringt. Dann ein Schlag gegen den Kopf, sie wird ohnmächtig. Als sie aufwacht, liegt sie im Krankenhaus.

"Fröhliches Abwatschen"

"Sie hätten sie umbringen können", sagt Beckys Mutter Georgina schockiert. Was lustig sein soll an diesem neuesten Fall von "Happy Slapping", kann Frau Smith nicht begreifen. "Happy Slapping" (zu übersetzen mit "fröhliches Abwatschen") breitet sich unter britischen Teenagern aus wie eine Epidemie.

Zufällige Opfer

Es begann vor Weihnachten im rauen Londoner Süden, als Jugendliche einen Passanten unter lautem Gelächter zu Boden prügelten. Seitdem sind der Polizei mehr als 200 Körperverletzungen nach diesem Muster bekannt. Die Täter fallen über ein zufälliges Opfer her, einen Pendler im Zug, dessen Nase ihnen missfällt, einen Gentleman, der zu akkurat gebügelte Hosen trägt, oder aber eine Schülerin, die ihnen zu fleißig ist.

Man haut zu und rennt sofort davon, während ein paar Kumpane die Attacke per Video-Mobiltelefon filmen. Der Kurzstreifen wird ins Internet gestellt oder an andere Mobiltelefone gefunkt wie ein lustiger Schnappschuss.

Der Kick

In einer Talkshow beschrieb der 16-jährige Manny Logan den angeblichen Kick dabei: "Du siehst jemanden rumsitzen. Du findest ihn blöd. Du rennst hin, schmierst ihm eine und rennst wieder weg. Das macht Spaß." Logans Altersgenosse Armand Jenkins versteht zwar den Schmerz, den der Überrumpelte empfindet. "Trotzdem ist es lustig. Es ist, als würdest du einen Sketch drehen. Es macht dich in der Szene berühmt."

Vorbild TV-Show

"Happy Slapping", glaubt der Londoner Medienprofessor Graham Barnfield, hat seine Ursprünge in einer Fernsehshow. Bei "Jackass and Dirty Sanchez" (MTV) fügen die Helden einander stechende Schmerzen zu, etwa beim halb nackten Laufen durch ein Brennnesselfeld. Gelangweilte Jugendliche hätten sich die Idee abgeschaut und auf die Spitze getrieben.

Im Londoner Nobelviertel Primrose Hill sah sich Caroline Monk (35) nach dem Fausthieb eines Halbwüchsigen mit Johlenden konfrontiert, die im Chor "Slaphead! Slaphead!" brüllten - was so viel bedeutet wie ein Schädel, der eine Ohrfeige verdient. Caroline Monk, an Brustkrebs erkrankt, hatte nach einer Chemotherapie keine Haare auf dem Kopf. (Frank Herrmann aus London, DER STANDARD Printausgabe 28/29.5.2005)

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    Attacken auf zufällige Opfer werden ins Internet gestellt oder an andere Mobiltelefone gefunkt wie ein lustiger Schnappschuss.

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