Orson Welles: "Im Zeichen des Bösen"

27. Mai 2005, 19:41
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Eingangs ein Rausch, ein nächtliches Ballett von Kamera, Schauspielern und der Musik von Henry Mancini ...

Los Robles, ein Städtchen an der mexikanisch-amerikanischen Grenze, Bordelle, Gangs, die Nachtseite der Zivilisation. Eine Bombe mit Zeitzünder wird in einem Kofferraum deponiert. Die Kamera folgt dem Auto, schwebt über Hausdächer, taucht ab ins Straßenleben, vorbei an einem Liebespaar, ein Slalom beginnt, ein Tanz zwischen dem Paar und dem Wagen, immer neu verliert man sie aus den Augen, fragt sich, wo man hier ist und wohin es geht, aber gerade als die Kamera festen Boden unter den Füßen spürt, als die Grenzpolizisten lachend salutieren und das Auto in die Staaten hinüberlassen, als der mexikanische Rauschgiftcop Miguel Vargas und seine Frau Susan harmlos einen Schokoshake trinken wollen, fliegt der Wagen in die Luft.

Die Eingangssequenz dieses Films ist ein Rausch, ein nächtliches Ballett von Kamera, Schauspielern und der Musik von Henry Mancini, vier Minuten ohne Schnitt, der Beginn eines der wahnsinnigsten Filme überhaupt: die Figuren so riesig wie Skulpturen Michelangelos, so dunkel und erdrückend nah wie das Personal eines Albtraums, in viel zu engen Räumen, bei denen man nie weiß, sind sie nun diesseits oder jenseits der Grenze?

Am Ort der Explosion kommt Vargas dem US-Inspektor Hank Quinlan in die Quere, einem speckschwitzenden, nuschelnden Cop, dessen Methode darin besteht, auf das Zucken seines Beines zu hören. Der korrupte Amerikaner Quinlan gegen den hager-moralischen Asketen Vargas, Orson Welles gegen Charlton Heston.

Der Star Heston hatte gefordert, dass der vom Studio schief angesehene Welles die Regie übernähme, Welles hat die Pulp-Vorlage, dieses "lächerliche Drehbuch" komplett umgeschrieben, in ein Labyrinth umgestülpt. Nichts ist, wie es scheint, die Grenzen verwischen, zwischen Tag und Nacht, vernünftiger Verbrechersuche und giftigem Rausch.

Janet Leigh, allein im Motel mit einer Heroin-Gang und dem wirren Nachtportier - das ist Psycho bei Tag. Und Quinlan muss, bloß weil er der Böse ist, noch lange nicht auf dem Holzweg sein mit seinem Verdacht. Ein lapidarer Satz, am Ende aus dem Off genuschelt, lässt den einsam sterbenden Sheriff über den integren Vargas triumphieren und demontiert das Genre des Noir-Kriminalfilms.

Und Universal demontierte Welles. Der Film wurde damals gegen seinen Willen gekürzt und umgeschnitten. Welles schrieb ein 58-seitiges Memorandum, in dem er um Änderungen bat, die aber nicht umgesetzt wurden. Erst 1998, 13 Jahre nach Welles' Tod, erstellten Rick Schmidlin und Walter Murch nach Welles' Memorandum den vorliegenden director's cut.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 28./29.5.2005)

Von Alex Rühle
  • Nichts ist, wie es scheint. Die Grenzen verwischen bei Orson Welles im Zeichen des Bösen.
    foto: sz

    Nichts ist, wie es scheint. Die Grenzen verwischen bei Orson Welles im Zeichen des Bösen.

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