Und immer wieder wütet der Wahnsinn

28. Mai 2005, 12:00
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Seit Jahrhunderten befällt die "Grisi Siknes", ein kollektiver Wahnsinn in Schüben, die indigene Bevölkerung Nicaraguas

Bisher konnte sich die Wissenschaft keinen Reim auf das Phänomen machen. Eine Wiener Sozialwissenschafterin ist nun dabei, des Leidens Rätsel zu lösen.

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Wien/Managua - Ein kleines Dorf mitten in Nicaragua. Eine junge Miskita bricht plötzlich zusammen, schlägt um sich, beginnt zu krampfen. Anwesende kümmern sich um die Frau, halten sie am Boden fest, damit sie weder sich selbst noch andere verletzt. Der Schamane des 200 Indigene zählenden Dorfes wird gerufen. Seine Riten vertreiben den bösen Geist. Dann ist der Spuk vorbei. Routine.

Was auf den ersten, von der westlichen Schulmedizin verblendeten Blick aussieht wie ein epileptischer Anfall ist ein zum Kulturgut der Miskitu gewordenes Leiden, das seit Jahrhunderten epidemisch auftritt: "Grisi Siknes" nennen es die Indigenen, eine dialektale Abwandlung von "crazy sickness": verrückte Krankheit. Mit Epilepsie oder anderen neurologischen Erkrankungen hat das Phänomen vermutlich nichts zu tun. Was aber steckt sonst dahinter?

Dieses "soziokulturelle Leiden", wie es die Wiener Ethnologin Gerhild Trübswasser nennt, äußert sich auch in anderen Symptomen. Menschen können wie in Trance umherlaufen, ohne jemanden zu erkennen. Andere rennen schreiend durch die Gegend und schlagen mit allem, was sie gerade in Händen halten, zum Beispiel Macheten, wild um sich. Und sogar zierliche Frauen können derart außergewöhnliche Kräfte entwickeln, dass sie alles kurz und klein schlagen - selbst die hölzernen Wohnhütten in den Dörfern. Neben den Miskitu werden auch die Mayangna, ein zweites indigenes Volk in Nicaragua, alle paar Jahre von diesem Wahnsinn befallen, und die aktuelle Forschung zeigt, dass sich diese Krankheit mittlerweile auch auf die mestizische Bevölkerung ausgedehnt hat. Die Epidemie hält sich bis zu zwei Monaten, die meist einstündigen Anfälle treten bis zu viermal am Tag auf. Dann ist der Wahnsinn wieder weg - zumeist mithilfe einheimischer Heiler.

Das erste Mal wurde das Phänomen von Weltreisenden Ende des 19., dann wieder von Ethnologen Ende des 20. Jahrhunderts beschrieben. Das Gesundheitsministerium Nicaraguas schickte nach der jüngsten Epidemie im Vorjahr Ärzte und Psychologen in die Dörfer. Deren Diagnose: keine organische Ursachen, unklare psychologische Ätiologie, behandelbar nur von einheimischen Heilern, Schamanen.

Erste Feldforschungen

Trübswasser, freischaffende Wissenschafterin und von einer dortigen Uni zu Feldforschungen über den Wahnsinn eingeladen, ist mit nicaraguanischen Kollegen nun drauf und dran, der "Grisi Siknes" Rätsel zu lösen: Auslöser dürften äußere soziale Faktoren sein. Die Ursachen des Leidens hingegen reichten weit in die Kolonialzeit zurück.

"Es ist diese eine Vision, die fast alle knapp vor dem Anfall haben, die uns zu den europäischen Eroberern geführt hat", erklärt die Sozialwissenschafterin dem STANDARD: "Weiße kommen zu den Indigenen und zwingen sie, einen Becher voll Blut zu trinken." Ein psychisches Trauma, den Völkern durch die Brutalität der Kolonialisierung und Christianisierung beigebracht und über Generationen ins kollektive Gedächtnis gebrannt? "Kriegstraumata", sagt Trübswasser, "dürften tatsächlich eine zentrale Ursache sein."

Vier Jahrhunderte lang kämpften Kolonialmächte um das mittelamerikanische Gebiet. Mit den Engländern kämpften Miskitu und Mayangna gegen die Spanier. Spanische Truppen fielen immer wieder mordend und plündern ins Land ein, konnten es aber nie einnehmen. 1894, nach dem Verzicht Englands auf sein Mandat, wurde Nicaragua Diktatur von der USA Gnaden.

Täter neben Opfern

Nach dem Erfolg der Revolution 1979 entzündete sich ein Konflikt um die Autonomie. Dieser kulminierte bis zum bewaffneten Kampf - die Indigenen wurden zwischen Sandinisten und Contras zerrieben. Tausende flüchteten nach Honduras. "Und heute müssen sie wieder gemeinsam in den Dörfern leben", erklärt Trübswasser. "Ehemalige Sandinisten und Contras Tür an Tür, Täter und Opfer vis-à-vis. Und keiner spricht darüber."

Neben der psychisch traumatisierenden Verdrängung dieser Geschichte haben die Forscher zwei weitere Ursachen für den Wahnsinn ausgemacht. Eine hat laut Trübswasser eine "sexuelle Konnotation": In den streng patriarchalen Dörfern werden immer wieder Mädchen und Frauen vergewaltigt - von Verwandten, Nachbarn. "Auch darüber spricht niemand, dennoch ist das ein Grund, warum vor allem Mädchen und Frauen vom Wahnsinn befallen werden."

Schließlich nennt Trübswasser noch den Generationenkonflikt als dritte Ursache. Ein Ausbrechen aus den engen Sozialstrukturen sei kaum möglich. Junge, die in Städten ihre Zukunft sähen, würden sowohl durch die Ablehnung der Indigenen in den Städten als auch durch ihre traditionelle Verwurzelung mit der eigenen Kultur in den Regenwalddörfern gehalten.

In offeneren Dörfern an Flussufern, wo Missionare und Entwicklungshelfer die kulturelle Tradition der Indigenen durchbrochen hätten, sei die Lage noch schlimmer: In Erwartung einer Hilfe von Außen hätten die Bewohner inzwischen auf landwirtschaftliche Monokulturen gesetzt. "Das heißt aber auch, dass es nur einen Erntezeitpunkt gibt", erläutert Trübswasser. Während der jüngsten Epidemie, die die Kräfte aller Dorfbewohner aufgebraucht habe, sei dieser Zeitpunkt verpasst worden. Die Ernte ging verloren und eine Hungersnot war die Folge. Drei Männer seien darauf von der Dorfgemeinschaft beschuldigt worden, schwarze Magie zu betreiben und so die "Grisi Siknes" ausgelöst zu haben. Die drei seien nur knapp der Lynchjustiz entkommen.

Auf Basis dieser Ursachenforschung, die die soziokulturelle Komplexität deutlich machte, haben Trübswasser und ihr Team der nicaraguanischen Regierung vor allem Bildungs- und gesundheitsfördernde Maßnahmen vorgeschlagen, die helfen sollen, ähnliche Epidemien in Zukunft zu verhindern. In den betroffenen nördlichen Gebieten werden hunderte Menschen immer wieder vom Wahnsinn heimgesucht. (Andreas Feiertag/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 28./29. 5. 2005)

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