Geistesblitz: Dem Altern auf die Schliche kommen

27. Mai 2005, 19:01
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Beatrix Grubeck-Loebenstein konzentriert sich auf die von vielen allzu oft verdrängte Endlichkeit

Eine große, alte Villa in unmittelbarer Nähe zum Innsbrucker Hofgarten - das Institut für Biomedizinische Alternsforschung (IBA) der Österreichischen Akademie der Wissenschaften. Beatrix Grubeck-Loebenstein leitet dort seit 13 Jahren eine der drei Abteilungen, jene für Immunologie. Vor zwei Jahren ist sie Georg Wick als IBA-Direktorin nachgefolgt und steht damit an der Spitze von 40 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern.

Grubeck-Loebenstein hat in Wien Medizin studiert, sich als Internistin habilitiert und drei Jahre dank eines Schrödinger-Stipendiums bei Marc Feldmann am Kennedy Institute of Rheumatology in London geforscht. Nach ihrer Berufung nach Innsbruck hat sie sich auch noch als Pathophysiologin habilitiert. Die komplexen Fragestellungen der Alternsforschung betrachtet sie als "Problem von europäischer Dimension, das nur europäisch lösbar ist". Schwerpunkt am IBA und in der wissenschaftlichen Arbeit von Grubeck-Loebenstein ist die Zellalterung.

"Unser Immunsystem beginnt schon nach der Pubertät zu altern", erklärt sie. Ab Mitte 40 werden im Thymus überhaupt keine neuen T-Zellen mehr gebildet, der Organismus muss ab diesem Alter mit jenen Antikörpern das Auslangen finden, die vorhanden sind. Damit spielt das schwächelnde Immunsystem eine wesentliche Rolle bei altersabhängigen Erkrankungen wie Tumoren oder Alzheimer. Der Mangel an T-Zellen führt aber auch dazu, dass die Wirkung von Impfstoffen bei alten (weiblichen) Menschen vielfach anders ist als bei jungen (männlichen) Testpersonen in deren Entwicklung. Speziell für Menschen über 60 braucht es daher neue Impfstoffe und -strategien. Am IBA wird dazu Grundlagenforschung betrieben. Grubeck-Loebenstein will aber künftig auch Translation-Research-Projekte am Institut verankern, mit denen Grundlagenforschung vertieft und anwendungsorientiert weiterentwickelt werden soll.

Dass sie in Tirol gelandet ist, war ein "großer, schöner Zufall". Ihr Mann bekam 1992 eine leitende Position in Innsbruck angeboten, zugleich war auch das jüngere der beiden Kinder nach der Matura von zu Hause ausgezogen. Also konnte Beatrix Grubeck-Loebenstein ihre eigene Chance wahrnehmen und am Aufbau des IBA mitwirken. Aus ihrer eigenen Erfahrung heraus widerspricht sie der These von der gläsernen Decke für Frauen in der Wissenschaft. "Bei mir war das nie ein Problem", betont die 51-jährige Forscherin - vorausgesetzt, die Frauen sind gleich gut und gleich engagiert wie die männlichen Kollegen. Speziell in Tirol ortet Grubeck-Loebenstein allerdings ein gesellschaftliches Problem: "Viele Frauen wollen nicht" und verzichten trotz guter Voraussetzungen zugunsten klassischer Familienmodelle auf wissenschaftliche Karrieren. Nicht zuletzt gehe es dabei um einen Mangel an Selbstbewusstsein, weshalb sich junge Wissenschafterinnen oft engere Grenzen setzen, als es ihren Talenten und Fähigkeiten entsprechen würde.

In der Freizeit nutzt Grubeck-Loebenstein die Umgebung von Innsbruck ganz traditionell: "Ich fahre gerne Ski und ich wandere gerne." Was sie in der Sportstadt vor allem im Bereich der Oper vermisst, gleicht sie mit regelmäßigen Kulturreisen nach Wien, Salzburg und München aus. (Hannes Schlosser/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 28./29. 5. 2005)

  • Artikelbild
    illustration: standard/oliver schopf
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