Die neue Chinatown an der Donau

21. November 2005, 14:51
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Vom Globalisierungsnachzügler China können Globalisierungsvorreiter einiges lernen - Kolumne von Antonella Mei-Pochtler

Wenn bald die Bagger auf der Donauplatte anrücken, weht der Wind der Globalisierung noch stärker in Wien - diesmal aus Fernost: Auf 25.800 Quadratmetern entsteht der China Austria Technology Park für rund 100 Firmen; Zulieferer wie Chery Automotive (fünf Mrd. Dollar) und Technologiegiganten wie Huawei (2,6 Mrd. Dollar) haben bereits zugesagt. Ihr Ziel: Kooperationen, später auch Übernahmen. Globalisierung mittels "Made in China" wird zur Globalisierung by China.

Kosten- und Skalenvorteile werden als Plattform für die Eroberung neuer Märkte genutzt: Mit einer F&E-Quote von zehn Prozent haben sich Huawei und ZTE erfolgreich im Hightech-Weltmarkt etabliert und Joint Ventures mit Intel, Microsoft, NEC und Siemens gegründet; Haier, weltweit viertgrößter Hersteller von Haushaltselektronik, ist in 160 Ländern präsent: 2004 gelang ihm als einzigem chinesischem Unternehmen der Sprung auf die Liste der 100 bekanntesten Weltmarken.

Von China lernen

Im Reich der Mitte verkehrt sich Gorbatschows Diktum, "Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben", in sein Gegenteil: Wer später kommt, kann Fehler der Vorreiter vermeiden und doppelt so schnell vorwärts kommen. Vom Globalisierungsnachzügler China können Globalisierungsvorreiter einiges lernen:

1. Lernen von den Besten: Marken und Design in Europa, Qualität und technische Details in Japan, Vertriebsmanagement in den USA - chinesische Unternehmen wie Haier kombinieren die professionelle Analyse von "best practices" mit der schnellen Adaptierung. Im Wettbewerb der Professionalisierung punkten sie mit extremer Lernfähigkeit und überraschendem Elite-Denken: Sie holen sich die Besten, um ihre Besten zu fördern. Beispiel Tsinghua Business School in Beijing, die Guru Michael Porter und Goldman Sachs Ex-Präsidenten John Thornton für die "Competitiveness Class" holte.

2. Lust auf Experimente: Das Lernen von den Weltbesten heißt nicht nur Gelerntes nachzuahmen, sondern zu Neuem zu kombinieren: Nirgendwo ist die Neigung zu Experimenten so ausgeprägt wie im neuen China - ob in der Wissenschaft, bei Infrastrukturprojekten oder in der Architektur. Bei Größe, Technikakzeptanz und Durchsetzungsfähigkeit wirkt sich die Mischung aus Wettbewerb zwischen 23 Provinzen und 13 Städten mit über zwei Millionen Einwohnern und dem konzertierten Willen, die Ende des 18. Jahrhunderts führende Weltposition zurück zu erobern, unübersehbar aus: Ob für den Bau gigantischer Staudämme oder der drei neuen Nord-Süd-Verkehrsadern.

3. Langfristiges Denken: So schnell Chinas Unternehmen die Aufholjagd betreiben, so langfristig ist der strategische Horizont. Beispiel Urbanisierung: 400 Mio. Wohnungen müssen in den nächsten 12 Jahren gebaut werden, für die der grüne US-Stararchitekt McDonough das fortschrittlichste Umwelthauskonzept für nur 3500 Dollar pro Einheit konzipieren soll. Bis Jahresende stehen die ersten 50 Pilothäuser.

Nach zehn Tagen in China komme ich mit gemischten Bildern und einem klaren Gefühl zurück: Trotz des immensen Gefälles zwischen Stadt und Land (über 90 Prozent des Reichtums konzentriert sich auf die Küstenregionen und in den reichsten Provinzen liegt das Einkommen 80 Mal höher als in den ärmsten) und der unglaublichen Vielfalt von Kulturen, einigt die Menschen in China ein großes gemeinsames Aufbruchsgefühl. Wenn es den chinesischen Firmen auf der Donauplatte gelingt, etwas von der Stimmung aus dem Reich der Mitte in die Mitte Europas zu bringen, dann können wir auch als "alte Globalisierer" von Chinas neuer Stärke nur profitieren.

Dr. Antonella Mei-Pochtler ist Senior Partnerin von The Boston Consulting Group (BCG) und Leiterin des Wiener Büros. kolumne.at@bcg.com
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