Non olet. Oder doch?

19. Juli 2005, 16:13
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Nach seinen nicht ganz gelungenen Versuchen, in der Geschichte der Regierung Schüssel einen Platz als Playboy zu finden, versucht es Karl-Heinz Grasser nun als Witzbold ...

Nach seinen nicht ganz gelungenen Versuchen, in der Geschichte der Regierung Schüssel einen Platz als Playboy zu finden, versucht es Karl-Heinz Grasser nun als Witzbold, nämlich als Retter des gastgewerblichen Personals vor der unersättlichen Gier des Finanzministers.

Die Vorgeschichte ist bekannt. Die formal vorgeschriebene Steuer auf Trinkgelder einzuheben, wurde in Zeiten der Barzahlung wegen Unüberprüfbarkeit erst gar nicht versucht. Auch mit dem Vormarsch des bargeldlosen Verkehrs geschah lange nichts, bis sich der beste Finanzminister aller Zeiten mannhaft entschloss, dieses Schlupfloch zu stopfen und seine Steuerfahnder zunächst auf die in Prominentenbeiseln rechnungsmäßig belegten Douceurs hetzte.

Auf den Aufschrei von dort reagierte der Minister mit der basisdemokratischen Drohung, die Besteuerung der Trinkgelder auf alle Empfänger auszudehnen - non olet! -, um so das Verständnis für das Nulldefizit auch unter Taxler, Tankwarte, Friseure und anderen Berufsgruppen zu tragen. Eine Reaktion, die die "Kronen Zeitung" in Abwägung der Masse ihrer Trinkgeld empfangenden Leserinnen und Leser gegen den volksfremd abcashenden Solipsisten aus der Himmelpfortgasse mit dem Dictum Catonis Hände weg vom Trinkgeld im Keim erstickte.

Jeder andere hätte der "Krone" den Ruhm gelassen. Nicht so er. Kühn kehrte er den Spieß um, es war gerade so, als würde er nach einem Wochenende auf Capri seinen Eintritt ins Kloster verkünden. "Trinkgeld ist jetzt mehr wert! Endlich rechnet sich die wohlverdiente Belohnung für guten und freundlichen Service hundertprozentig, ließ er unter seinem Namen inserieren, und: Über 50 Jahre lang musste Trinkgeld versteuert werden. Wir haben die Trinkgeldsteuer abgeschafft. Nunmehr stellen wir Trinkgelder in bar und über Kreditkartenabrechnung rückwirkend ab dem Veranlagungsjahr 1999 steuerfrei. Trinkgeld geben zahlt sich damit noch mehr aus.

Vor allem das rückwirkend war großzügig. Aber damit nicht genug. Aus der nie eingehobenen, nun aber heroisch abgeschafften Trinkgeldsteuer - die frechste Steuerreform aller Zeiten - muss sich doch mehr herausschlagen lassen, dachte jemand. Und so wird nun das Gastgewerbe mit Briefen, Hochglanzplakaten und papierenen Bieruntersetzern überschwemmt. Nur zur Beruhigung des Personals und der Gäste. Unter dem Betreff Gute Nachrichten für Ihre Mitarbeiter: Trinkgeld ist jetzt steuerfrei heißt es: Sie werden sehen, diese Regelung nützt allen: Ihre Mitarbeiter haben jetzt absolute Rechtssicherheit in Sachen Trinkgeld, denn es gehört jetzt zu hundert Prozent Ihnen. Und Ihre Kunden dürfen dank dieses zusätzlichen Leistungsanreizes mit noch motivierterem Service rechnen.

Auch für sich selbst hielt der motivierteste Finanzminister aller Zeiten einen zusätzlichen Leistungsanreiz bereit: Je bekannter diese Regelung bei Ihren Mitarbeitern und Kunden ist, desto mehr profitieren alle davon, nicht zuletzt der Aushecker dieses Geniestreiches. Beiliegend finden Sie Informationsmaterial für Ihre Mitarbeiter. Es besteht aus dem Plakat, anhand dessen sich informationsdurstige Mitarbeiter optisch an einem mit Euros gefüllten Bierkrügel laben können, und einem Untersetzer, über dessen Inschrift - Jetzt zahlt sich die Belohnung für freundliches Service noch mehr aus - Tschecheranten aller Bundesländer lange rätseln werden. Für die Allgemeinheit rechnet sich dieses freundliche Service Grassers allerdings nur, wenn er es nicht aus Steuermitteln, sondern mit einem Trinkgeld der Industriellenvereinigung finanziert.

In Zeiten wie diesen ist Grasser aber nicht der einzige professionelle Werber. Die Allgemeinheit zahlt für die im BZÖ-Look behaltenen Broschüren des Sozialministeriums, wobei BZÖ-Sprecher Uwe Scheuch ungeniert bestätigt: "Der Bürger soll durchaus den Kontext zwischen Ministerium und BZÖ sehen."

Da arbeitet der Bundeskanzler schon etwas dezenter. Auf Inseraten im Sperrformat ließ er sich neulich gemeinsam mit dem Generaldirektor der Raiffeisenlandesbank OÖ abbilden, direkt über dem Slogan Visionen verwirklichen - und die Zukunft gestalten.

Im Fließtext gab es einiges zu lesen. Etwa: Oberösterreich verfügt über eine ausgezeichnete Position in Europa. Die Unternehmen unseres Landes und ihre Mitarbeiter sind mit ihren Innovationen, ihren Produkten und Dienstleistungen weltweit erfolgreich. Oder: Mut machen, etwas wagen und neue Wege gehen - diese Fähigkeiten wollen wir auch weiterhin hoch halten. Weder schien der Name Wolfgang Schüssel darin auf, noch eine Erklärung, was er auf dem Inserat verloren hatte. Oder doch? Slogans wie Visionen verwirklichen - und die Zukunft gestalten oder Etwas wagen und neue Wege gehen verbreiten eine mild gedämpfte Wahlkampfatmosphäre, ohne gleich gegen das Raiffeisenbankgeheimnis zu verstoßen. Vielleicht sollte die Öffentlichkeit aber nur auf das sportliche Schuhwerk des Kanzlers eingestimmt werden. (DER STANDARD; Printausgabe, 28./29.5.2005)

Von Günter Traxler
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