Brief an einen Freund, der am Sonntag mit Nein stimmt

27. Mai 2005, 18:31
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Auszüge aus einem Editorial von "Nouvel Observateur"-Mitgründer Jean Daniel - Ein Kommentar der anderen

Ich werde dich überraschen. In gewisser Weise verstehe ich die Souveränisten, die auf der Unabhängigkeit unseres Landes bestehen, viel besser, als sie selbst es glauben. Ich denke, dass in jedem von uns ein nostalgisches Geheimnis ruht, das aus unserer vergangenen Größe kommt. Selbst auf dem Höhepunkt unserer epischen Kämpfe gegen den Kolonialismus konnte ich die Schmerzen verstehen, die die Vertreter eines imperialen Frankreich empfinden mussten, als seine Kolonien amputiert wurden – auch wenn deren Geschichte Eroberung und oft auch Barbarei bedeutet hatte.

De Gaulle machte sich über die Anhänger eines französischen Algerien lustig, indem er sie mit Leuten verglich, die der Zeit der Petroleumlampen und der Segelboote nachtrauerten. Aber ich bin mir sicher, dass auch in De Gaulle etwas war, was sich nach dieser Zeit sehnte.

De Gaulle hatte aber auch die klare Vision, dass die Epoche der Imperien vorüber war und Macht im nuklearen Zeitalter nicht mehr an den Besitz von Kolonien gebunden sein würde. (...)

Jede große Tat verlangt einen Bruch mit den Konservativismen, die aus unserer Nostalgie für die Vergangenheit herrühren. Ich weiß genau wie du, dass die Identität und manchmal sogar die Landschaften unseres Landes sich wandeln. Wir wissen nicht mehr, wer wir sind, und wir wissen noch nicht, was wir werden sollen. Der französische Patriotismus ist im Abstieg begriffen, und ein europäischer Patriotismus ist noch nicht geboren. (...)

(Zur französischen Linken:) Seit dem Fall der Berliner Mauer muss sich die Linke mit der Marktwirtschaft abfinden, aber sie war bisher außerstande, ihre Abkehr von ihrer Strategie, die auf einen Bruch mit dem Bestehenden abzielte, theoretisch zu begründen. Sie ist deswegen von einem schlechten Gewissen geplagt und sucht sehnlichst nach einem radikalen Feind. Die extreme Linke hat ihr diesen Feind, wenigstens in der französischen Tradition, immer wieder zur Verfügung gestellt. Heute heißt dieser Feind "Neoliberalismus".

Meiner Meinung nach ist es der tiefe Wunsch der Linken, erneut in die Unschuld der Radikalität einzutauchen, der sie dazu veranlasst, mit Furor von der "neoliberalen Schlagseite" der europäischen Verfassung zu sprechen. Weil ein reformistisches Denken in Frankreich in Wahrheit nie akzeptiert wurde, hat die Linke jetzt eine Gelegenheit gefunden, sich an der Sozialdemokratie zu rächen, von der sie so viel lernen musste, die heute aber vor dem großen Kapital klein beigegeben haben soll. (...)

Neuer "langer Marsch"?

In Wahrheit könnten sowohl Frankreich als auch die Linke in dieser Europäischen Union und in diesem neuen Verfassungsvertrag eine Gelegenheit zu einem enthusiastischen und dynamischen Gemeinschaftsgefühl finden.

Ich könnte mir aber natürlich vorstellen, dass es dafür noch effizientere Projekte als diese Verfassung gäbe. Nehmen Sie einmal an, dass die Spitzen der Gewerkschaften, der Parteien und sonstiger Organisationen zu einem neuen langen Marsch einladen würden, um gegen die entehrende Vorgangsweise jener Firmenchefs zu protestieren, die sich mit unmoralischen Summen abfertigen lassen. (Anm.: Anspielung auf Bernard Daniel, den Vorstandsvorsitzenden von Carrefour, der gerade 38 Mio, Euro Abfertigung kassiert hat.) In einer Zeit, in der über nichts anderes geredet wird als über finanzielle Schwierigkeiten, Arbeitslosigkeit und die Gesundheitsprobleme der Alten und Behinderten, ist es nicht unbedingt ein Zeichen für eine vitale Linke, wenn nichts gegen derartige Aktionen der Chefs unternommen wird. Und warum sollten es nicht die Franzosen sein, die von Europa Maßnahmen fordern, die moralischen Standards wiederherzustellen? (DER STANDARD, Printausgabe, 28./29.5.2005)

Übersetzung: Christoph Winder
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