Ablöse von Premier Raffarin mögliche Konsequenz eines französischen Neins

29. Mai 2005, 17:34
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Chirac kündigt im TV "neuen Impuls" für Regierung an - Nachfolgefavorit ist Sarkozy, Chef der Präsidentenpartei UMP

Jacques Chirac hatte am Donnerstagabend in einem dritten TV-Auftritt versucht, den Negativtrend mit 55 Prozent Nein-Stimmen in den Meinungsumfragen zu brechen. Er verstehe die Erwartungen der Bürger und werde "unserer Tätigkeit einen neuen Impuls verleihen." Die Tage des aktuellen Premierministers Jean-Pierre Raffarin scheinen damit gezählt. Nachfolgefavorit ist Nicolas Sarkozy, Präsident der Chirac-Partei "Union für eine Volksbewegung" (UMP).

Die Variante "Sarko" im Hôtel Matignon ist für den Elysée-Herrscher sehr riskant, da er durch ein Abstimmungs- Nein stark geschwächt wäre. Deshalb zirkulieren auch andere Namen für die Raffarin- Nachfolge: Verteidigungsministerin Michèle Alliot-Marie und Innenminister Dominique de Villepin. Beide stammen aus dem engsten Umfeld des Staatspräsidenten und drohen ihm auch nicht in den Rücken zu fallen.

Sarkozy eröffnete den Kampf um das Hôtel Matignon schon vor der Verfassungs- Abstimmung: An einem EU-Wahlabend meinte er, Elitepolitiker ohne eigenen Wahlkreis seien nicht berufen, ein Volk zu regieren. Ansprochen war de Villepin, der im Schatten Chiracs eine typische Funktionärskarriere absolviert hat und sich nie einer lokalen, regionalen oder nationalen Volkswahl stellte.

De Villepin reagierte nur mit einem sauren, aber fast mitleidigen Lächeln. Es besagte, Sarkozy solle sich gefälligst um seine eigenen Probleme kümmern. Gemeint ist damit ein kleinerer Sturm in der Familie, über den die französischen Medien seit einigen Tagen immer deutlichere Anspielungen bringen. Am Donnerstagabend musste Sarkozy selber vor die Fernsehkameras treten und bestätigen, dass der Haussegen bei ihm und seiner Frau Cécilia schief hänge.

Das große Interesse der Öffentlichkeit an dem Ehekrach hat seinen Grund nicht nur im üblichen Medien-Voyeurismus. Sarkozy hat sich mit seiner Cécilia immer wieder in der Boulevardpresse ablichten lassen und steht offenbar auch politisch so stark unter dem Einfluss seiner temperamentvollen Gattin, dass die bösen Pariser Zungen seit Langem fragen, wer im Hause Sarkozy eigentlich die Hosen trage.

Dass die Ehe des Politikers die EU-Abstimmung beeinflussen könnte, ist unwahrscheinlich. Die Verlagerung des Interesses zeigt immerhin, dass die französischen Wähler langsam gesättigt sind von der überaus intensiven Kampagne und komplexen Thematik. Die UMP scheint sich bereits in das Schicksal eines "Neins" zu fügen: Sie hat für Sonntagabend nicht einmal einen Abstimmungsabend geplant. Nicht gerade in Festlaune, muss Parteichef Sarkozy neben seinem Ehe- auch ein nationales Europa-Problem überwinden. (DER STANDARD, Printausgabe, 28./29.5.2005)

Von Stefan Brändle aus Paris

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Chiracs Rede

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    Premier Raffarin (rechts) und der Favorit für seine Nachfolge Sarkozy, der zugleich bedeutender Kontrahent von Chirac für das Amt des Präsidenten ist. Deshalb wird auch spekuliert, Chirac könnte Verteidigungsministerin Michèle-Alliot oder Außenminister de Villepin als Nachfolger vorziehen.

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