Günter Kenesei: "Da ging es um Kopf und Kragen"

27. Mai 2005, 17:35
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Seinen Wechsel von den Grünen zur ÖVP will Gemeinderat Kenesei im STANDARD- Interview nicht überbewerten, aber seine Verbitterung gegenüber den Grünen geht tief

Seinen Wechsel von den Grünen zur ÖVP will Gemeinderat Günter Kenesei nicht überbewerten. Aber seine Verbitterung gegenüber den Grünen geht tief. Mit Roman David-Freihsl und Peter Mayr spricht er erstmals über eine beinahe Spaltung des Klubs.

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STANDARD: Eine Umfrage der Wiener Grünen zeigt, dass die Wiener und Wienerinnen Ihren Wechsel von den Grünen zur ÖVP gar nicht mitbekommen haben. Ärgert Sie das?
Kenesei: Nein. Ich nehme mich nicht wichtiger als Hinz und Kunz. Für die Leute ist viel wichtiger, wie es am Arbeitsmarkt weiter geht, ob die Kinderbetreuung klappt. Das sind die Themen und erst dann - wenn überhaupt - sind es die Köpfe, die bei den Wahlkämpfen plakatiert werden.

STANDARD: Also wurde ihr Wechsel überbewertet?
Kenesei: Medial war es natürlich ein Knalleffekt, für die betroffenen Parteien sowieso. Aber wer beim AMS ansteht, weil er a Hack’n sucht, den interessiert doch so etwas net.

STANDARD: Das heißt also, die Politik arbeitet an den Menschen vorbei.
Kenesei: Auch. Ein Bruchteil der Wiener und Wienerinnen weiß, was im Gemeinderat tatsächlich passiert. Offensichtlich machen wir etwas falsch. Momentan signalisieren wir nur, dass unser Produkt grauslich ist und richten uns pausenlos gegenseitig aus, welche Deppen wir sind.

STANDARD: Bei Ihrem Wechsel haben Sie selbst heftigst gegen die Grünen agitiert - Stichwort "Wie in Nordkorea."
Kenesei: Zu dem stehe ich felsenfest. Ich bin heute noch überzeugt, dass dies ein zutiefst undemokratisches Vorgehen bei der Wahl auf der Landesversammlung gewesen ist. Dass ein Landesvorstand und eine Partei, die sich offen und demokratisch nennen, jemanden nicht das Wort ergreifen lassen, um zu sagen, warum man ein viertes Mal kandidiert, das ist eine Sauerei.

STANDARD: Was wäre gewesen, wenn Sie auf die Liste gekommen wären?
Kenesei: Dann vermute ich, dass es eine weitere interne Zerreißprobe gegeben hätte, die jetzt bei den Grünen ansteht. Ich muss auch ehrlich sagen, ich weiß nicht, ob ich mir noch eine Legislaturperiode angetan hätte unter der Voraussetzung, dass die Fundis in der Klubführung das Sagen gehabt hätten. Und Überlegungen, dass sich der Klub spaltet, hat es ja schon einmal gegeben. Es hat ja die Diskussion gegeben von den Fundis her ausgehend, den Christoph Chorherr abzusägen. Die Hardcore-Variante: Weg und zack erledigt. Das war nach den schwarz-grünen Verhandlungen im Bund. Da ist es um Kopf und Kragen gegangen. Das Szenario war längst fertig in der Gruppe Chorherr, Pilz, Kenesei plus noch ein paar: Okay, sprengen wir die Geschichte in die Luft, dann gibt es halt zwei Klubs und dann schau’ ma’ einmal, wer überbleibt. Da ist es massiv um die Macht im Klub gegangen.

STANDARD: Bei der Radio Orange Abstimmung haben Sie das erste Mal gegen den ÖVP-Klub gestimmt, gibt es weitere Gelegenheiten?
Kenesei: Bis jetzt nicht. Aber das wird es noch das ein oder andere Mal wohl geben.

STANDARD: Wenn es um die Nordostumfahrung S1 geht?
Kenesei: Wahrscheinlich. Die Frage ist, ob das noch vor der Wahl auf die Tagesordnung kommt.

STANDARD: Wie ist Ihr Verhältnis zur Bundes-ÖVP?
Kenesei: Gespalten, wie bei vielen anderen - auch innerhalb der ÖVP wahrscheinlich. Ich bin Kommunalpolitiker in Wien für Wien unterwegs. Ich kann der Qualität der Bundespolitik in Summe - egal welche Partei - momentan überhaupt wenig abgewinnen.

STANDARD: Was muss die ÖVP tun, um nach der Wien-Wahl hinter der SPÖ zu liegen?
Kenesei: Das einzige, das wichtig sein wird, ist, welche Partei es mit welchem Thema zustande bringt, die Riesengruppe der Nichtwähler anzusprechen. Das ist der größte Teich, in dem man fischen kann. Ich gehe nicht davon aus, dass ein Grün-Wähler sich in den nächsten Monaten so dramatisch bewegt, dass er die ÖVP wählt - und umgekehrt genauso nicht. (Roman David-Freihsl/Peter Mayr/DER STANDARD, Printausgabe, 28./29.5.2005)

Von Roman David-Freihsl und Peter Mayr

Zur Person:

Günter Kenesei, Favoritner seit 1959, Grüner seit der Hainburger Au-Besetzung, Grün-Gemeinderat seit 1991, Importeur von Lemonsoda und Sportartikeln, wechselte im April in den ÖVP-Klub.

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Günter Kenesei ist zutiefst verbittert über die Grünen.

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