Kommentar der anderen: Scheingefechte

26. Mai 2005, 20:03
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Von Christian Baier, Chefdramaturg der "Oper der Zeit"

Ein Theaterintendant gibt ein Stück in Auftrag. Der Schriftsteller liefert ab, hört lange Zeit nichts, bis ihm schließlich klar wird, dass er vergeblich auf die Uraufführung seines Werkes hofft. - Im gegenwärtigen Theaterleben ist, was Robert Menasse als persönliches Schicksal ausführt, längst Alltag. Meist trifft es weniger prominente Autoren. Manche Dramatikerlaufbahn ist durch solche Praktiken nachhaltig beeinträchtigt, mancher brisante Stoff für immer von der Bühne verbannt worden. Ein Intendant, der sich der Lüge bedient, um sich eine persönliche Stellungnahme zu ersparen, ist mittlerweile Prototyp, ein zynischer Chefdramaturg, dem tote Dichter und tote Schauspieler lieber sind, keine Einzelerscheinung.

Vorzeitig aufgelöste Verträge und ein rasches Springen von einem Job zum nächsten prägen den Stil jenes Intendantentypus von heute, dem persönliches Fortkommen, Ämterkumulierung und gesellschaftliches Junktimieren wichtiger sind als künstlerische Inhalte und der ihm erteilte Bildungsauftrag.

Klaus Bachler ist ein Produkt einer kulturpolitischen Tendenz unserer Zeit, die - mit Unterstützung der Medien - Kunst nur noch als ornamentales Beiwerk handhabt.

Die an dieser Stelle dokumentierte Stellungnahme Robert Menasses ("Die Brisanz des Klaus-Bachler-Kabaretts", 21. 5.) stimmt nachdenklich, weil sie die Blauäugigkeit eines renommierten Schriftstellers gegenüber einem System zeigt, das er in seinen Schriften zwar bekrittelt, mit dem er sich aber dann doch einlässt. Seine Argumentationsweise bedient sich keiner anderen Mittel als Bachler, wenn er dessen private Aussprüche über Regisseure in die Öffentlichkeit zerrt.

Diese Aussagen - tausendfach an Theatern getätigt - besagen nichts in der Causa. Sich mit einem amikalen "Du" an Klaus Maria Brandauer zu wenden und ihn wissen zu lassen, dass Bachler ihn für einen schlechten Regisseur hält, hat etwas von kleingeistiger Vernaderung und erinnert an gehässige Kantinengespräche im Stadttheater.

Finanzieller Schaden ist Herrn Menasse sicherlich nicht entstanden, denn mit Erfüllung eines Stückauftrages ist das vereinbarte Honorar fällig. Und die "Burg" zahlt gut. Lediglich das Ego des Autors erfuhr eine schwere Kränkung. Das persönliche Schicksal wird hier wichtiger genommen als die Sachlage, an der das Kulturleben derzeit tatsächlich krankt.

Dass eine Tageszeitung der persönlichen Demütigung eines prominenten Autors breiten Raum gewährt, ist legitim. Dasselbe publizistische Engagement wäre allerdings bei der Berichterstattung über den verzweifelten Überlebenskampf Freier Gruppen wünschenswert, die die Wiener Theaterreform zum Abschuss freigegeben hat. Es würde Kulturpolitiker, die mit den gleichen Methoden wie Bachler operieren, in die Schranken ihrer gesellschaftlichen Verpflichtungen weisen.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 27.5.2005)

Christian Baier, ehemaliger leitender Musiktheater- Dramaturg der Wiener Festwochen, Chefdramaturg der Wuppertaler Bühnen, Produktions- Dramaturg des Théâtre Nationale de Luxemburg und der Deutschen Oper Berlin, derzeitiger Chefdramaturg der "Oper der Zeit", Vorarlberg
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