Jacques Chirac

29. Mai 2005, 22:04
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Für eine Hand voll Ja-Stimmen

Die Kommunikationsexperten von Jacques Chirac, allen voran seine Tochter Claude, sind der Verzweiflung nahe: Sogar die präsidialen TV-Auftritte - der letzte war gestern, Donnerstag, Abend - erweisen sich in den Umfragen als kontraproduktiv, die Volksbefragung über die EU-Verfassung droht zum Desaster zu werden. Doch kein Elysée-Berater traute sich Chirac zu raten, er solle so wenig wie möglich in Erscheinung treten.

Denn die Franzosen haben große Lust, ihren Präsidenten abzustrafen. So vor allem die Sozialisten, die bei den Präsidentschaftswahlen von 2002 Chirac die Stimme geben mussten, um den Vormarsch des Rechtsextremisten Jean-Marie Le Pen zu stoppen. Aber auch die Gaullisten sind tief frustriert, dass "ihr" Präsident nach zehn Jahren im Elysée nicht viel mehr als eine Nullbilanz vorzuweisen hat - das Jubiläum Anfang Mai wurde von den Kommunikationsexperten im Elysée geflissentlich totgeschwiegen.

Die Frohnatur Chirac lässt sich davon nicht beirren. Wieder einmal vertritt er das Gegenteil seiner früheren Positionen. Längst vergessen hat er den "Aufruf von Cochin" aus dem Jahre 1978, in dem er aus einem tagespolitischen Bedürfnis gegen Europa und insbesondere gegen die Aufnahme Spaniens und Portugals vom Leder zog. Unter den Kristalllüstern des Elysées ist Chirac zum überzeugten Proeuropäer mutiert, der keine Gelegenheit auslässt, die Osterweiterung, den Türkei-Beitritt und jetzt die EU-Verfassung zu preisen. Was ihn diese Woche nicht hinderte, den 400.000 Armeniern in Frankreich in einem Brief zugleich zu versichern, die Türkei habe bis zu einem EU-Beitritt "noch einen langen Weg" vor sich. Was tut man nicht alles für eine Hand voll Jastimmen.

Das Problem ist, dass die Franzosen "Cochin" nicht vergessen haben und heute nicht mehr auf den Präsidenten hören. Geglaubt hatten sie ihm noch nie, aber das war nicht weiter schlimm, denn Chirac hatte in ihren Augen andere Qualitäten, die er etwa in seinem wackeren Widerstand gegen die Bush-Administration ausspielte. Heute haben die 40 Millionen Stimmberechtigten aber endgültig genug von ihrem Präsidenten und seinen Kapriolen.

Welch Unterschied zu Chiracs Vorgänger François Mitterrand, der 1992 ebenfalls eine Volksabstimmung zu den Maastricht-Verträgen angesetzt hatte: Der krebskranke Sozialist legte in der entscheidenden Fernsehdebatte mit einem nicht minder wortgewaltigen Maastricht-Gegner (Philippe Séguin) ein Europabekenntnis ab, dessen Kraft und Aufrichtigkeit die Abstimmung rettete und bis heute in Erinnerung geblieben sind. Chirac hingegen überlegt dem Vernehmen nach vor allem, ob er nach dem Urnengang von Sonntag seinen Premier auswechseln soll, um seine eigene Haut zu retten. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 27. Mai 2005)

Von Stefan Brändle
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