Negativsymbol des Jahres

26. Mai 2005, 19:26
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Ein Kommentar zur Causa Kampl - Von Barbara Tóth

Der Fall Kampl hat uns in den letzten Wochen zwei Schwachstellen der österreichischen "Institutionenlandschaft" (© Wolfgang Schüssel) vorgeführt, in geistiger wie politischer Hinsicht.

Erstens ist Kampl, der Wehrmachtsdeserteure zu "Kameradenmördern" machte und über die "brutale Naziverfolgung" klagte, zur Chiffre für das geworden, was Österreich trotz aller Gedankenjahrbemühungen offenbar immer noch nicht leisten kann: den Umgang mit Geschichte. Das gerade noch legale Assoziieren über die eigene Nazivergangenheit gehört zum rhetorischen Volkssport. Unterstützt wird es durch politisch Verantwortliche, die sich erst nach peinlichem Schweigen zur Klarstellung durchringen. Auch weil die ÖVP so lange brauchte, bis sie ihr Urteil "inakzeptabel" verlautbarte, konnte der BZÖ-Bundesrat zum Unsymbol des Jubiläumsjahrs werden.

Siegfried Kampls Rücktritt vom Rücktritt ist nun die logische Folge dieser augenzwinkernden Vergangenheitssicht. Er fühlt sich mittlerweile wohl als Held, und Helden geben nicht so schnell klein bei.

Die Causa Kampl wäre aber auch ein guter Anlass, um endlich einmal über jene Institution zu debattieren, der er entstammt: dem Bundesrat. Österreich leistet sich im Vergleich zu anderen europäischen Ländern immer noch einen üppigen politischen Vertretungsapparat, bei dem Aufwand und Wirkung in keinem Verhältnis mehr zueinander stehen. In Nordrhein-Westfalen wählen 13,3 Millionen Wahlberechtigte 181 Mandatare - so viele, wie auch im österreichischen Parlament sitzen. Dazu kommen noch neun Landesparlamente und ein Bundesrat mit - siehe oben - zum Teil sonderbaren Exponenten.

In beiden Fällen gilt: Höchste Zeit, dass ausgekamplt wird. (DER STANDARD, Print-ausgabe, 27. Mai 2005)

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