Rote Konkurrenz

26. Mai 2005, 19:22
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Ein Kommentar zur Neuwahl in Deutschland - Von Birgit Baumann

Den bevorstehenden Wahlkampf hat sich der ehemalige SPD-Chef Oskar Lafontaine schon in leuchtendem Dunkelrot ausgemalt: Vorbei ist das öde Leben in der politischen Frühpension, in die er sich im März 1999 mit seinem Abgang aus Regierung und Parteispitze verabschiedet hat. Jetzt wird er gemeinsam mit dem Star der Postkommunisten, Gregor Gysi, die Republik mal so richtig aufmischen und nach erfolgreicher Kampagne in den Bundestag einziehen.

Doch die Wirklichkeit sieht ein wenig grauer aus. Zunächst hat sein Austritt aus der SPD bei den Genossen nicht zu ohrenbetäubendem Heulen und Jammern geführt - im Gegenteil, es waren alle sehr erleichtert, dass er endlich weg ist. Auch auf seine alten, linken Freude aus der Fraktion ist kein Verlass mehr: Sie folgen nicht ihrem einstigen Guru nach, sondern halten in der Not doch lieber Kanzler Schröder die Stange.

Und eine neue politische Partei zu gründen geht ebenfalls nicht so schnell. Also müssen die beiden Linksparteien erst über andere Möglichkeiten einer Kandidatur reden, was nicht so leicht sein dürfte: Die Wahlalternative WASG will nicht unter der Flagge der PDS in den Wahlkampf ziehen, weil sie dann um ihre Stimmen im Westen bangen muss. Die PDS hingegen möchte sich nicht den WASGlern unterwerfen, schließlich ist die Partei aus dem Osten den Neulingen an Mitgliedern und Wählerstimmen überlegen.

Dennoch hat SPD-Chef Franz Müntefering Recht, wenn er die rote Konkurrenz ernst nimmt. Vielleicht einigt sie sich ja irgendwie auf ein gemeinsames Bündnis. Vielleicht tritt sie doch getrennt an. Vielleicht schafft es keine der beiden in den Bundestag. Aber selbst dann werden sie der SPD Stimmen kosten, und so desperat wie die Lage der Sozialdemokraten derzeit ist, könnten es jene Prozentpunkte sein, die letztendlich über das Schicksal der Regierung Gerhard Schröders entscheiden. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 27. Mai 2005)

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