Das "Paradies" - "ein Fall für die Medien"

26. Mai 2005, 19:31
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Burgtheaterchef Klaus Bachler im Interview über Robert Menasse und viel Wirbel um ein ungespieltes Stück

Viel Wirbel um ein ungespieltes Stück: Robert Menasse tobt, und Burgtheaterchef Klaus Bachler sieht dies im Gespräch mit Claus Philipp und Ronald Pohl als Folgewirkung "exzessiver Eitelkeit".


STANDARD: Jüngst hat der Schriftsteller Robert Menasse Sie, weil Sie sein Stück "Das Paradies der Ungeliebten" nicht spielen, einen "notorischen Lügner" genannt. Sie hingegen waren bis dato eher zurückhaltend. Wieso?

Bachler: Mein Interesse, aus dieser Geschichte eine "never ending story" zu machen, hält sich in Grenzen. Das Ganze ist ohnehin eher ein Fall für die Medien als fürs Theater. Die Sache war doch im Prinzip ganz klar: Wir haben einen Stückauftrag erteilt, der, wie üblich, nicht mit einem Aufführungsvertrag verbunden ist. Jetzt hat das Theater halt entschieden, dass wir das Stück nicht aufführen. Das ist natürlich kein Vorgang, den wir uns gewünscht haben. Wir vergeben normalerweise ja Aufträge, um neue Stücke auch spielen zu können. Aber es kommt vor.

Das Einzige, was bis dato noch nicht vorgekommen ist, dass der Autor durchdreht und für den verantwortlichen Direktor einen Landesverweis fordert. Das ist neu.

STANDARD: Menasse wurde aber finanziell voll abgegolten, wie vereinbart.

Bachler: Selbstverständlich - so, wie ich übrigens alle meine Verträge einhalte.

STANDARD: Und warum wird das Stück, das man offenbar interessant genug fand, um über lange Zeit Regisseure für es suchen, nicht aufgeführt?

Bachler: So eine Aufführung ist ja immer eine Summe aus Text, Bearbeitung oder Veränderung des Textes und der Realisierungsmöglichkeit in gewissen Konstellationen. Lange Zeit waren Menasse und ich uns einig darüber, wie das Stück realisiert werden könnte. Zum Beispiel, indem man den Text mehr als Material betrachtet. Deswegen erfolgten Anfragen bei Schlingensief, Castorf oder Kriegenburg - es kamen nur Ablehnungen, über zwei Jahre hinweg. Übrigens: Menasse hat die Hauptrolle eigentlich für Brandauer geschrieben, der diese aber ablehnte. Und zum "schlechten Regisseur Brandauer" kann ich nur sagen: Ich würde einem schlechten Regisseur nicht Hamlet anbieten.

Wir haben uns vor eineinhalb Jahren einvernehmlich entschieden, das Stück freizugeben, weil Menasse meinte, es gebe andere Möglichkeiten für eine Uraufführung - etwa am Schauspiel Frankfurt, am Berliner Ensemble, in den Niederlanden. Daraus ist offenbar auch nichts geworden.

STANDARD: Warum sind die Bemühungen, doch noch an der Burg zu einem Resultat zu kommen, fortgesetzt worden?

Bachler: Ich wollte, dass das Stück realisiert wird! Die Dramaturgie war übrigens von Beginn an wesentlich skeptischer. Insofern finde ich nach all meinen Bemühungen Menasses Unterstellungen und Diffamierungen besonders infam. Er hat wohl die Ebene des Schriftstellers gegen jene des Boulevardjournalisten eingetauscht. Dazu passt, dass er verweigert, dass das Stück gelesen werden darf und über den Gegenstand selbst verhandelt wird.

STANDARD: Könnte man Menasses Erregung nicht auch als Kompensation lesen, in einem Land, in dem Intellektuelle ja nur bedingt geschätzt werden?

Bachler: Na sicher hat er da jetzt ein Aufmerksamkeitsspielfeld aufgetan. Dabei spricht aus ihm aber nicht die Kreativität und Intelligenz, die ich an ihm immer noch schätze, sondern allein eine exzessive Eitelkeit.

Ich würde dazu eigentlich auch gar nichts mehr sagen wollen. Aber eines ist nicht zu verhehlen: Der ganze Vorgang schadet dem Theater und den Autoren. Wer soll sich Werkaufträge überhaupt noch antun, wenn sich Autoren so verhalten? Peter Handke etwa hätte mit gutem Grund, als wir den Untertagblues zuerst wegen Bondys Absage nicht realisieren konnten, einen viel ärgeren Zirkus veranstalten können. Stattdessen hat er vernünftig verhandelt.

STANDARD: Zurück zum Theater. Werfen wir einen Blick auf den Spielplan der kommenden Saison, der als Rückblick auf die Burgsaison 1955 durchaus zu den gegenwärtigen Gedenkveranstaltungen passt. Nun hat man das Gefühl, dass all die Jubiläen, die da gefeiert werden, in der Öffentlichkeit nicht wirklich greifen, oder?

Bachler: Das Beste, was man über dieses "Gedankenjahr" sagen kann: Hoffentlich ist es bald vorbei. Es geht einem wahnsinnig auf die Nerven. Und man wundert sich nur - mit Blick etwa auf den Gemüsegarten am Heldenplatz -, für was da alles plötzlich Geld zur Verfügung steht. Für uns war der Zugang ein anderer . ..

STANDARD: Sie meinen jenen Theater-Mythos, der heute noch raunt: "So gut wie damals war die Burg nie wieder."

Bachler: Genau. Dieser mythische Reiz, den niemand mehr nachvollziehen kann. Gleichzeitig eine gewisse Dichte an Inhalten und Dramaturgien, die wir jetzt einmal neu befragen. Es geht also nicht darum: Wie war König Ottokar 1955? Sondern: Was bedeutet die da vermittelte österreichische Identität heute? Was heißt das: Torquato Tasso heute?

STANDARD: Und damit riskieren Sie dann, dass einige ältere Zuseher sagen: So schön wie damals können die heute nicht mehr sprechen.

Bachler: Ach, das sagen viele doch jetzt schon.

STANDARD: Mit der Nachricht, dass Sie ab 2008/09 die Bayerische Staatsoper - im ersten Jahr noch parallel zum Burgtheater - leiten, stellt sich die Frage: Wie bewältigen Sie dann Ihre letzte Burgsaison?

Bachler: In einem Übergangsjahr werden sinnvoller Weise wohl nur im ersten Halbjahr Premieren produziert, und für den Rest kann man auf ausreichend Repertoire zurückgreifen. Mit einem guten Grund: Es ist wohl notwendig, dass mein Nachfolger spätestens ab Frühjahr 2009 die Premieren seiner ersten Spielzeit gut vorbereiten kann. Ich habe ja, als ich die Leitung übernahm, damals sehr darunter gelitten, dass der Übergang von Claus Peymann zu mir mit so vielen Reibungen belastet war.

STANDARD: Inwiefern?

Bachler: Peymann hat das Haus ja förmlich verbarrikadiert! Selbst Besprechungen hat er höchst unwillig bestenfalls im Arsenal zugelassen. Und er hat gleichzeitig sinnloserweise noch ein Jahr lang Inszenierungen produziert, die - auch weil gewisse Schauspieler nachher nicht mehr an der Burg waren -, dem Haus nichts mehr gebracht haben. Gleichzeitig entstanden Mehrkosten für meine Vorbereitungen. Ich denke, ein Übergang muss vor allem im Sinne des Theaters funktionieren.

STANDARD: Befürchten Sie nicht, dass nun im Schatten möglicher Vorverlegung von Wahlen sehr bald, oder zu früh, ein neuer, politisch genehmer Burg-Direktor bestimmt wird?

Bachler: Es ist gut möglich, dass die Politiker das erwägen, eben weil sie auch nicht ans Theater denken, sondern an ihre Planspiele. Gut wäre es nicht. Im Gegensatz zur Oper, wo man im Jahr 2006 für 2010 vorplanen muss, läuft man im Theater mit solchen langfristigen Vorausentscheidungen wohl eher ins Leere. Vielleicht kommen 2007 schon wieder ganz andere Kandidaten für die Leitung der Burg infrage. Und andere, jetzt genannte Kandidaten nicht mehr.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 27.5.2005)

  • Klaus Bachler, für den Robert Menasse jüngst einen Landesverweis forderte, über den Dichter: "Er hat wohl die Ebene des Schriftstellers gegen jene des Boulevardjournalisten eingetauscht."
    foto: standard/christian fischer

    Klaus Bachler, für den Robert Menasse jüngst einen Landesverweis forderte, über den Dichter: "Er hat wohl die Ebene des Schriftstellers gegen jene des Boulevardjournalisten eingetauscht."

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