Schlechte Tradition

12. Juli 2005, 15:31
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Es ist zu wünschen, dass sich die beiden neuen Telekom-Aufsichtsräte rasch emanzipieren

Die Unabhängigkeit von Aufsichtsräten ist ein zweischneidiges Schwert. Oder ein Hund, wie der Volksmund sagt. Insbesondere in Betrieben, in denen die Republik noch mitmischt. Denn die Politiker wählen ihre Kandidaten zwar vorgeblich nach fachlicher Kompetenz aus, die Gewähr, dass sich diese dann auch opportun verhalten, gibt es freilich nicht.

Gott sei Dank. Denn so manches Aufsichtsratsmitglied - meist selbst Firmenvorstand und des Aktienrechts kundig - besinnt sich im Laufe seiner Funktionsperiode seiner Pflichten und entscheidet zum Wohle des beaufsichtigten Unternehmens.

So geschehen bei der ihrerseits völlig unabhängig und fern ab jeder politischen Willkür ihres Eigentümervertreters, Finanzminister Karl-Heinz Grasser, agierenden Verstaatlichten-Holding ÖIAG. Sie wollte im Herbst um jeden Preis verhindern, dass die Verträge der Telekom-Vorstände über 2005 hinaus verlängert werden. Kein leichtes Unterfangen, wie sich herausstellen sollte. Denn die Hälfte der im Zuge der Umfärbungsorgie als Stimmvieh eingesetzten Gesinnungsgenossen spurten nicht.

Die Rache der Staatsmanager

Im Gegenteil, sie hielten dem Vierervorstand unter Generaldirektor Heinz Sundt (der zwar nicht immer glücklich agiert, sich aber keine großen Schnitzer geleistet hatte) die Stange. Zupass kam ihnen dabei, dass die ÖIAG keine ernst zu nehmenden Alternativen im Talon hatte. Sundt bekam zwar keinen Fünfjahresvertrag, aber immerhin eine Verlängerung um zwei Jahre.

Die Rache der desavouierten ÖIAG-Staatsmanager folgte auf den Fuß: Um Mehrheiten für alle Zukunft zu sichern, drückten sie in der Hauptversammlung nun eine Aufblähung des Aufsichtsrats durch. Es ist zu wünschen, dass sich die beiden neuen Kontrollore rasch emanzipieren, sonst bleibt die Telekom der politischen Willkür ausgeliefert. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 27.5.2005)

Von Luise Ungerboeck
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