Räume der philharmonischen Biografie

25. Mai 2005, 15:15
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Die Philharmoniker betreuen im Haus der Musik ein ihrer Historie gewidmetes Museum.

Mit gutem Grund: In diesem Haus hat einst Otto Nicolai das Orchester gegründet. Ein Gespräch mit Clemens Hellsberg über wertvolle Exponate und die Geschichte der Klangdemokraten


In den Iden des biedermeierlichen März 1842 konnte der musikinteressierte Wiener auf zahlreichen Affichen folgende Kundmachung lesen: "Am Ostermontag den 28. März 1842, Mittags um halb 1 Uhr, wird das sämtliche Orchester-Personal des k.k. Hof-Operntheaters im k.k. großen Redouten-Saale ein großes Concert folgenden Inhalts zu geben die Ehre haben."

Eine Symphonie und eine Ouvertüre von Beethoven wurden angekündigt, auch eine Arie und ein Duett aus dem Opernschaffen Luigi Cherubinis. "Die genannten Künstler haben die Aufführung ihrer Solo-Parthien, sowie Herr Kapellmeister Nicolai die Leitung des Ganzen aus besonderer Gefälligkeit übernommen." Wohl kaum einer, der damals diese Ankündigung las, hatte geahnt, dass dieses Konzert in die Geschichtsbücher eingehen würde als Geburtsstunde einer der bedeutendsten musikalischen Institutionen seiner Stadt: der Wiener Philharmoniker.

In der Person Otto Nicolais, des Kapellmeisters des Hofoperntheaters, vereinte sich - so Clemens Hellsberg, Vorstand der Wiener Philharmoniker - herausragendes künstlerisches mit großem organisatorischem Talent. Der aus Ostpreußen stammende, in Italien ausgebildete Musiker war bei Aufnahme seiner Tätigkeiten von den Bedingungen seines Wiener Amtes jedoch eher entsetzt als begeistert: "Die Oper ist im ärgsten Verfall", schrieb der 32-Jährige im Sommer 1842 an seinen Vater, "und an keiner Person bei Hofe hat sie einen Aufrechterhalter . . ."

Zur Ablenkung und Karriereförderung griff der Dirigent die unter den Orchestermusikern und der musikinteressierten Bevölkerung Wiens kursierende Idee zur Abhaltung von Orchesterkonzerten auf. Die Veranstaltungen - jeweils zwei pro Saison - waren künstlerisch und finanziell erfolgreich: Die Musiker konnten jeweils Einnahmen lukrieren, die in etwa einem doppelten Monatsgehalt als Opernmusiker entsprachen.

Viele Proben

Dafür mussten sie, weiß Hellsberg, aber auch reichlich Probenzeit investieren: So setzte Nicolai etwa für die Aufführung der neunten Beethoven-Symphonie im März 1843 nicht weniger als dreizehn Proben an. Nicolai gab der Konzertunternehmung statuarische Strukturen, die zum Teil bis heute noch unverändert geblieben sind, wie etwa den Verwaltungsrat des Orchesters. Dennoch jammerte der Deutsche auch darüber, dass ihm "in jedem Jahr von neuem die Schererei" zufalle, die Orchestermusiker zu den Konzerten zu versammeln.

Otto Nicolai wohnte in Wien im Haus Seilerstätte Nr. 30, und als Ende der 90er-Jahre die Idee entstand, in genau diesem Gebäude ein Haus der Musik einzurichten, wurde den Wiener Philharmonikern vom Initiator angeboten, darin ein eigenes Museum zu eröffnen; zusätzlich wurden dem Orchester auch noch geeignete Räumlichkeiten für sein historisches Archiv offeriert. Man war begeistert: Im Musikverein war der Platz für die zahlreichen Memorabilia aus der Geschichte des Klangkörpers begrenzt gewesen.

Skizzenbücher von Richard Strauss, eine Partitur mit Originaleintragungen von Anton Bruckner oder auch die originale Partitur von Pfitzners Oper Palestrina befinden sich darunter, wie auch zahlreiche Briefe der namhaftesten Komponisten und Musiker der letzten eineinhalb Jahrhunderte. In allerjüngster Zeit erst erhielt die Sammlung einen weiteren bemerkenswerten Zugang: Ein pensioniertes Mitglied des Orchesters schenkte seinem Verein ein Notenblatt, auf dem am Abend der Unterzeichnung des österreichischen Staatsvertrags bei einem Bankett in Schloss Schönbrunn alle anwesenden Außenminister wie auch der österreichische Bundeskanzler ihre Paraphe hinterlassen haben - als Dank für die philharmonische Untermalung des historischen Diners.

Die Öffnung

Das gerahmte Blatt wird, so Hellsberg, mit großer Sicherheit seinen Platz im Museum finden, neben den anderen Exponaten wie etwa den Taktstöcken von Herbert von Karajan, Wilhelm Furtwängler oder Hans Knappertsbusch, dem Frack von Leonard Bernstein, der Arbeitsbrille von Brahms und den anderen Schätzen aus der Historie des Klangkörpers.

Dieser hat in den letzten Jahren mit der Verlegung des Kartenbüros aus den im Schatten des Württembergschen Palais etwas versteckt im nordseitigen Halbstock des Musikvereinsgebäudes gelegenen Räumlichkeiten sowie auch mit dem Orchestermuseum im Haus der Musik einen bewussten Schritt in Richtung Sichtbarmachung in der öffentlichen Wahrnehmung getan.

Die Zeiten, als die Philharmoniker in Wien lediglich dem Publikum der eigenen Abonnementkonzerte - sie finden seit 1860 statt, seit 1870 im Wiener Musikverein - zugänglich waren, sind vorbei. Das Orchester muss sich im schärfer gewordenen Wettbewerb auf dem Klassikmarkt als kompetitive, qualitätsvolle Trademark präsentieren - und das tut es auch mit Erfolg.

Die Zahl der Konzerte im Ausland ist auf über 30 pro Saison gestiegen, und auch in Wien hat man durch eine dritte Abonnementreihe und zusätzliche Auftritte im Konzerthaus die Publikumszahlen steigern können. Alles Indizien dafür, dass die "Schererei", die sich Nicolai bei der Gründung der Philharmonikerkonzerte angetan hat, sich auch noch in den nächsten Jahrzehnten gelohnt haben wird. (Stefan Ender/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 25. 5. 2005)

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    Philharmoniker-Vorstand Clemens Hellsberg erinnert daran, dass die Philharmoniker auch früher viel zu tun hatten: Orchestergründer Otto Nicolai habe für eine Beethoven-Symphonie dreizehn Proben angesetzt

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