Die geheimen Mitteilungen der Musik

25. Mai 2005, 13:28
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Richard Strauss sagte einmal, er könne ein überschäumendes Bierkrügel in Tönen für jeden erkennbar darstellen. Er hat den Beweis nie angetreten

Es darf allerdings bezweifelt werden, ob ein jeder sein tönendes Bierkrügel auch als solches identifiziert hätte.

Ebenso wenig, wie man beim Anhören seines Don Quixote oder seines Don Juan ohne Kenntnis des Titels zwangsweise an den skurrilen spanischen Granden bzw. Herzensbrecher denken würde. Und was kann schließlich Franz Liszts Les Préludes dafür, dass es zum Jingle für die Frontberichte der deutschen Wehrmacht herhalten musste.

So erhebt sich die Frage, was denn dann der Inhalt der Musik ist, wenn nicht einmal jener, der ihr mittels eines Titels verpasst wird, vom uninformierten Hörer realisiert wird.

Noch schwieriger wird das Problem, dass jener Hörer, der über Titel und imaginären Inhalt eines Werkes nicht informiert wurde, ja nicht nichts hört. Er hört vielmehr dasselbe, was in das Ohr des durch die Lektüre des Programmes wohl vorbereitete Strauss-oder Liszt- oder Berlioz-Konsumenten dringt. Allerdings löst das Gehörte im Uninformierten ganz andere Assoziationen aus als in der Vorstellung des über Titel und Inhalt informierten Hörers.

Angesichts solcher informatorischer Unschärfen durch identische Klangmitteilungen ist es nicht weiter verwunderlich, wenn ein beträchtlicher Teil des potenziellen Musikpublikums mit dem kaum zu widerlegenden Hinweis, von Musik "nichts zu verstehen", reagiert oder wenn Leute vom Kaliber eines Igor Strawinsky dieser babylonischen Klangverwirrung mit der radikalen Feststellung begegnen, Musik könne nichts mitteilen außer sich selbst.

Doch das kann es doch auch nicht sein. Wie wäre es möglich, dass täglich viele Millionen von Menschen über Radio, CD, Video-Clips, in Konzertsälen, Arenen, Discos nach Klängen streben, zu Klängen tanzen, die nicht mehr sind als eine Folge von Tönen?

Es muss in dieser Vielzahl der Töne und ihrer Kombinationen doch so etwas wie eine Wahrheit liegen, die nicht von Hörer zu Hörer zur Beliebigkeit zerstäubt, sondern sich sogar auf ebenso geheimnisvolle wie überprüfbare Weise mitteilt. Vielleicht wies Joseph von Eichendorff mit zwei seiner Gedichtzeilen erstmals den Weg: "Schläft ein Lied in allen Dingen, die da träumen fort und fort, und die Welt hebt an zu singen, triffst du nur das Zauberwort."

Allerdings hat die moderne Wissenschaft Eichendorffs Mitteilung umgekehrt. Nach den neuesten Forschungen schläft nämlich nicht ein "Lied in allen Dingen", sondern ein Ding in allen Liedern. Man kann die Musik aller Stile und aller Kontinente nämlich drehen und wenden, wie man möchte, sie basiert stets auf den selben Gesetzmäßigkeiten, wie sie schon Pythagoras auf seinem Monochord ergründet hat.

Es handelt sich dabei um das Gesetz der Obertöne. Das heißt, mit jedem Ton schwingt auch eine Reihe so genannter Obertöne mit. Und die Frequenzen dieser Obertöne stehen stets im gleichen Verhältnis 1 : 2 : 3 : 4 :5 : 6 usw. usw. Auf den Grundton folgt dessen Oktave, darauf die Quinte, dann die Quarte und dann die nächste Oktave.

Diese Reihe lässt sich unendlich lange fortsetzen. Stets wird sich ein Ton, egal nun welcher, nur im Verhältnis 1 : 2 wiederholen und natürlich auch optisch übertragen - wie etwa in der nebenstehenden Illustration der Quintenzirkel durch den Schweizer Forscher Hans Cousto. Und dieses Prinzip der Obertonreihe beschränkt sich nicht allein auf das Gebiet der Akustik, seine Wirksamkeit wurde auch in anderen Bereichen festgestellt. Zum Beispiel von Max Planck, der nachgewiesen hat, dass Energie (etwa Wärme) nicht kontinuierlich zunimmt, sondern sprungweise, in Quanten. Die Skala dieser Quanten lässt sich ebenfalls durch die Proportionsfolge 1 : 2 : 3 : 4 :5 : 6 definieren.

Nicht genug damit, auch das periodische System der chemischen Elemente ist in Analogie zum Prinzip der Obertöne aufgebaut. Denn die Anzahl der Kernladungen und Elektronen steht im Verhältnis 1 : 2 : 3 : 4 :5 : 6. Dieselben Bauprinzipien lassen sich auch in Kristallen, in der Botanik und auch in der Zoologie feststellen.

Was die Wissenschaft in neuerer Zeit im Mikrokosmos ergründete, hat Johannes Kepler in seinem Werk Harmonice Mundi aus astronomischen Tatbeständen abgeleitet.

So gesehen ist jede Musik eine, wenn auch unbewusste Information über alles, was wir als Welt begreifen - oder nicht begreifen. (Peter Vujica/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 25. 5. 2005)

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