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Auf den in Europa erhältlichen Karten war der Fluss, den wir hinunterpaddeln wollten, nicht eingetragen gewesen; die darauf zwischen riesigen Binnenseen und dem Eismeer abgebildete Landschaft glich einem Fehldruck, relieflos grau und von einer Moiré aus hellem Blau überzogen. Die Legenden darin erinnerten an Prospektionszeiten - Coppermine River, Prosperous, Trapper, Courageous Lake - oder an fast vergessene Entdecker wie Ingray und MacKay; Bezeichnungen wie Redrock Lake, Scented Grass Hills oder Whitewolf führten ein Territorium nur generisch vor Augen, um es desto ungreifbarer werden zu lassen: Da gab es einen Mystery, einen Desperation, aber auch einen Bliss Lake.
Jetzt aber, die eben erstandenen schwarz-weißen 50.000er, die aeronautischen Übersichts- und die geologischen Überblickskarten im Garten unseres B&B ausgebreitet, malten wir uns diese Gegend in den abstrakten Flächen von Orange, Rot und Braun aus, machten an den Zahlen Meereshöhen und Gefälle aus, je nach Symbol einen Sumpf, Wälder und Stromschnellen, um zu bestimmen, wie weit der Lauf befahrbar war, wo uns das Flugzeug absetzen und wo nach einer Woche wieder abholen könnte.
Erst da, auf dem Tisch, sahen wir zum ersten Mal den schwarzen Schriftzug des Acasta River, verfolgten die Unterlängen zu seinem Ursprung und wieder zurück, über Senken und Seenketten bis dorthin, wo er sich zu einem namenlosen Gewässer verbreitete und die Koordinaten sich zu jener Insel schnitten, die unser Ziel geworden war.
Die Nacht ist kurz...
... vor so viel Licht, der Luft, die einem zu Kopf steigt, der seltsamen Härte über dem See, der nur ein Ufer zu haben scheint, und dem Schlaflosen der letzten Tage bleibt ein Druck hinter der Stirn, so kurzatmig, als befänden wir uns auf 4000 Meter Höhe. Wir machen die letzten Besorgungen, packen die Ausrüstung zusammen und hinterlassen im B&B die Nachricht, wann wir wieder zurück sein werden. Während die Mechaniker die Twin Otter beladen und das Kanu am Schwimmer festzurren, gehen wir mit dem Piloten die Route durch: Er soll uns 20 Kilometer nördlich unserer Insel absetzen und später am Little Crapaud Lake weiter südlich abholen.
Von oben erscheint das von langen Gräben zerscherte und von Gletschern flach geschliffene Schild als langsam abtauchender Kontinent: die nackten Felsbuckel wie Walrücken zwischen ineinander übergehenden, stehenden Gewässern, das Grün der Taiga mit ihren Baumgruppen schorfig dazwischen. Kaum ein Flusslauf ist auszumachen, auch keine Schotterpisten oder Dächer, einmal nur die Landepisten einer aufgegebenen Mine, überall aber in der Sonne aufglänzendes Schmelzwasser, auf dem an manchen Stellen noch eine Eishaut liegt. Je länger wir in Richtung Polarkreis fliegen, desto dichter werden jedoch die Rauchflächen, über hunderte Kilometer hergeweht von an der Grenze zu Alaska brennenden Wäldern. Ich vergleiche die Karte mit dem Land, die Seen wiederum mit ihr, um dem Überblick zu behalten, und als nach mehr als einer Stunde der Little Crapaud Lake links von uns auftaucht, packt mich eine seltsame Erregung: Das ist der Acasta jetzt, wo er einfließt, dort beginnt bereits unsere Strecke.
Der Pilot schwenkt um...
... unter uns bleibt das schwarz-blaue Band mit seinen Schlingen und Schleifen, das sich an einer Stelle durch einen weiten Sumpf zieht, die weiß gerippten Stromschnellen sehen breit aus, ich sehe die Insel plötzlich mitten im See und deute hinunter, da ist etwas, das metallisch aufgleißt, daneben ein Rot wie von Zelten. Wir verlieren nach und nach an Höhe, landen, ohne das Aufsetzen zu spüren, und laufen auf die Koniferen an einer Moräne zu, während sich ein Weißkopfseeadler aufschwingt.
Halte ich den Zeiger auf meinem 24-Stunden-Ziffernblatt zur Sonne, kann ich zu jeder Stunde ablesen, wo die Himmelsrichtungen liegen. Es ist Mitternacht, ihre Scheibe knapp über den Horizont, rot vor Rauch, und bevor wir noch ausgeladen haben, stehen wir schon in Schwärmen von Mücken. Unterhalb unserer Schuttmoräne zieht sich der Sandstreifen zu einer schmalen Furt hin, voller Fährten: Wölfe, Karibus, Elche und ein Bär, behauptet Ben, unser Führer.
"Was für einer?" "Grizzly; vor denen aber braucht ihr keine Angst zu haben - wenn sie sehen, dass wir zu dritt sind, weichen sie aus. Aggressiv werden eher einzelne Schwarzbären: Schaut ihm nicht in die Augen, geht rückwärts zurück und legt euch auf den Bauch, die Hände am Nacken. Falls mir aber etwas zustoßen sollte, ist's besser, ihr wisst, wie das Gewehr funktioniert."
Am nächsten Morgen beladen wir das Kanu, stoßen ab und arbeiten uns zunächst dem Ufer entlang; wir liegen tief im Wasser, haben kaum mehr als eine Handbreite Freibord, und es dauert, bis wir einen Rhythmus finden und halbwegs Kurs halten. Schwarzfichten ragen vereinzelt zwischen den Felsen auf, ein Geäst dürrer, junger Zweige, die im Winter erfrieren; an ihrer Grenze geht die Taiga in Tundra über, in ein Unterholz von Weiden, Moos und Sumpf dann.
Auf einer Insel halten wir Rast...
... gelbe Rentierflechten auf den Gesteinsbrocken, Zwergsträucher, dazwischen die kleinen, weißen Blüten der Silberwurz. Vielleicht hat der Fluss seinen Namen von ihnen, der Akaste, jener Tochter des Ozeans, die Apollo nach ihrem Tod in eine Blume verwandelte: Akanthen sind es dennoch keine. Ebenso gut kann sein, dass ihn irgendjemand in Erinnerung an die Besatzung jenes Zerstörers benannte, der von einem deutschen Kreuzer im Zweiten Weltkrieg versenkt wurde.
Die nächste Stromschnelle ist nicht auf der Karte verzeichnet, ihr Rauschen aber ist von Weitem zu hören. Wir gehen sie ab; der Fluss macht hier ein S und wird eng, weiße Wellen über den Wacken bis zu einem Fels am Ende, der ihn zweiteilt. Dieses Mal knie ich vorne, und was vom Ufer harmlos aussah, wird im Kanu zu einem Gefälle, in dem es sich kaum steuern lässt. "Paddel schneller, verdammt!", schreit Ben von hinten, und ich steche mit aller Kraft in das Spritzwasser ein und stoße uns vorn von den größten Hindernissen ab, während er gegenrudert. Alles wird schneller, ich kann kaum mithalten, und in der zweiten Biegung laufen wir in Wildwasser gegen Fels, bekommen Schieflage, mein Fehler, dass ich mich instinktiv am Bord halte, sie vergrößert sich dadurch noch, von der Seite strömt alles ein, breit und kalt, der erste Packen schwimmt davon, ich greife vergeblich nach ihm, der Bug ist voll Wasser, ich steige aus, auf den Fels, und will das Kanu daran hochziehen.
"Lass los!", brüllt Ben, und ich gebe ihm noch einen Stoß, stehe nur und schaue, wie er zur Mündung hinuntertreibt, das Kanu schon unter der Oberfläche, er hilflos darin paddelnd, bis zum Hals im Wasser, rechts und links unser Gepäck, das abtreibt, fast hat die Szene etwas Komisches, bis alles aus dem Blick gerät.
Rechts komme ich nicht ans Ufer, ich finde zu wenig Halt, um mich gegen den Fluss zu stemmen, auf der anderen Seite steht er mir hart bis zur Brust, ich weiß erst nicht, wo hochklettern, und muss dann lange Minuten einen Bogen um das Gestrüpp schlagen, um an ein Ende zu gelangen. Norbert steht drüben, er deutet irgendwo hin, aber ich sehe weder Ben, noch das Kanu, nur unsere Ballen sich mit der Strömung verfächernd, von ihr in den See geschwemmt.
Ich wate zu ihm hinüber; Ben hat das Kanu zwischen zwei Bäumen hochgezogen und umgedreht, wir sind nass bis auf die Knochen, setzen uns erst einmal wortlos, um wieder zum Atmen zu kommen. "Ph!", bläst Ben die Backen auf, "ich hab geglaubt, mein letztes Stündlein hat geschlagen; ich kann ja nicht schwimmen", und holt sich seine Packung Zigaretten.
Am Ufer ist nichts zu entdecken. Zwei Paddel besitzen wir noch, ich ziehe mich aus, und dann rudern wir hinaus, ich halte mich längsseits und tauche so lange den Grund in diesem dunkeln Wasser ab, ohne etwas zu sehen, bis ich vor Kälte zu zittern beginne und schließlich zufällig mit dem Fuß an Norberts Rucksack stoße.
Wir breiten das Zeug darin zum Trocknen aus: ein Schlafsack, ein Regenschutz, Pullover, Hose, Necessaire. Sonst haben wir nur mehr, was wir am Leib tragen, ich ein All-Weather Field Book, Bleistift und Sackmesser; Ben sein Feuerzeug. Alles
Essen, Kochzeug und Gewehr, Kamera, die Zelte, die Angelrute gingen verloren, das GPS, selbst meine alte Uhr. Noch schlimmer ist, dass wir auch die Karten verloren haben. Um weiter nach Süden zu gelangen, bleibt uns so einzig, jede Bucht auszufahren, auf der Suche nach dem nächsten Übergang. Wir wechseln uns an den Paddeln ab; Ben fabriziert inzwischen aus einem bunten Stück Plastik und der Sicherheitsnadel eines Nähbriefchens, das Norbert vom Hotel in Edmonton mitgehen hat lassen, einen Blinker. Der nächsten Stromschnelle entlang tragen wir das Kanu am Rücken, nur um dann zu sehen, dass es von diesem See aus nicht weitergeht, und umzukehren: So wird es uns noch öfter gehen.
Steif vor Muskelkater und Hunger...
... paddeln wir, am Hang einen wandernden, hellen Fleck - ein weißer Wolf, der uns begleitet - den Fluss entlang und zum nächsten See. Eine der hereinragenden Landzungen endlich erweist sich als Spitze jener namenlosen Insel, die wir gesucht haben. Was vom Flugzeug aus metallisch geglänzt hat, ist eine kreisrunde Nissenhütte an der Bucht, die an dem Hügelbuckel ausläuft. Die Tür ist mit Eisenstäben verbarrikadiert, aber nicht verschlossen; über dem Eingang hängt eine Sperrholzplatte mit ebenso verwitterten, aber mit einer Schablone aufgemalten Lettern: ACASTA CITY HALL - FOUNDED 4 GA. Über vier Milliarden Jahre alt war der Fels dieser Insel, das älteste Gestein der Welt: Überreste einer ersten Erde, und wie sie aus dem Wasser stieg.
Drinnen finden wir Schaumgummimatratzen, Sessel, Tische, alles, was man nur brauchen kann, um hier den Sommer zu verbringen, sogar einen Grill, dutzende Dosen Mückenspray, Gott sei Dank, aber nichts zu essen, keine Angel, keine Dose, kein einziges Keks, vielleicht der Bären wegen. Und was in der Luft nach Zelten aussah, sind leere Kerosinfässer; wir sind allein.
Wir haben kaum noch Zeit, um wenigstens in die Nähe des Lake Crapaud zu gelangen, wo das Flugzeug uns abholen soll. Zum Abfluss des Sees ist es nicht weit, aber wir haben zu tun, um das Kanu zu schultern und einen Weg entlang der unschiffbaren Stromschnelle zu finden; es geht uns die Kraft aus. Wir paddeln mit Blasen an den Händen, schlafen kaum, und dann unruhig, haben Hunger und erzählen uns Geschichten dagegen, bis uns keine mehr einfallen und wir wieder von vorne beginnen.
Nach einem großen Sumpfgebiet...
... geraten wir wieder zwischen die Hügel, und bei einer der Portagen schrecken wir einen Schwarzbären aus dem Unterholz. Selbst jetzt noch kann ich mich bloß an seinen großen, dunklen Umriss erinnern; wir blickten ihm nicht in die Augen, traten vor ihm zurück und legten uns auf die Erde, dass ich bloß die Sohlen von Norberts Bergschuhen vor mir sah, hörte, wie er näher kam und an ihm herumschnüffelte, laut in der Stille, in der er zu mir herübertrottete.
Ich presste die Hände auf den Nacken, aber nicht, wie ich glaubte, weil er mich am Hals packen würde, sondern weil er mit der Schnauze versuchte, jeden von uns auf den Rücken zu drehen, während wir nur die Beine und Ellbogen, so fest es ging, auf den Boden stemmen konnten, seinen faulen Geruch in der Nase, seine feuchte Schnauze am Arm, eine Gewalt spürbar, der wir nichts entgegenzusetzen hatten. Das Blut schoss mir in den Bauch, kein Gedanke war fassbar, ich dennoch wach und klar, lebendig wie nie, bis wir nichts mehr hörten und uns vorsichtig aufsetzten, plötzlich vollkommen erschöpft, zitternd bis in die Fingerspitzen.
Zum Lake Crapaud gelangten wir nie. An dem Samstag, an dem wir das Flugzeug gegen Mittag erwarteten, waren wir noch an die 70 Kilometer von ihm entfernt. Wir hatten unsere wenigen Sachen ausgebreitet, ohne dass von der Luft aus viel erkennbar war, und horchten auf das Dröhnen der Motoren, versuchten, es zu identifizieren aus dem Summen der Mücken, dem Brummen der Bienen, Hummeln und Fliegen um unsere Ohren, hofften, dass es zwischen den Bäumen auftauchte, aber jedes Mal war es falscher Alarm und das Warten zermürbender als die Tage vorher.
Gegen Abend kam es unvermittelt...
... von hinter dem Hügel, flog knapp über unseren Köpfen, Norbert schoss die bleistiftgroße Signalrakete ab, die wir in der Hütte der Geologen gefunden hatten, doch das rote Magnesiumlicht nahm sich kaum vom Himmel aus und fiel zu schnell in sich zusammen, als dass es die Piloten, deren Profil wir im Cockpit sahen, erkennen konnten, wir winkten vergeblich, und die Twin Otter verschwand wieder hinter den Wipfeln am anderen Ufer.
Als sie auch nach einer Stunde nicht zurückkehrte, zuckte Ben mit den Schultern. "Müssen wir also zu Fuß zurück nach Yellowknife", meinte er stoisch; "in wenigen Wochen kommt schon der Schnee - das heißt, wir brauchen genügend zu essen, Wintersachen und einen Schlafsack: Das sind die Felle von drei Karibus für jeden von uns als Kleidung, nochmals sechs, um uns einen Schlafsack zu machen; sie zu erlegen ist nicht schwer, sie sind kurzsichtig, und die Herden laufen an einem fast blind vorbei; das Fleisch räuchern wir." Was er da sagte, schien ganz normal, den Umständen angemessen, und wäre es vielleicht auch geworden, wenn uns das Flugzeug am nächsten Vormittag nicht doch noch am Fluss gesichtet hätte.
(Der Standard/rondo/27/05/2005)
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wenig gesagt über "die erste erde". dafür viel über ein deutlich schiefgegangenes abenteuer eines offensichtlichen großstädters. schade.
lieber standard: bitte schulaufsätze mit besseren titeln versehen: etwa "in der wildnis kanadas"; "auf der suche nach dem uralten"; "ich in kanada"; "ein abenteuer in der wildnis"; "wie man einen ausflug nachhaltig verändern kann"; "zwei linke füße in kanada"...
Nobody takes a canoe into the river without tying everything up with a rope.this is a highschool essay
with a lot of phantasy and imagination, lacks reality.
The writer is aromantic adventurer. Good luck next time
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