"Kiss Me I'm Kosher"

26. Juli 2005, 11:50
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Den Sammel-Leidenschaften von jüdischem Kitsch widmet sich eine Ausstellung im Vorarlberger Hohenems

"I didn't kill your God", heißt es auf einem T-Shirt, "Kiss Me I'm Kosher" auf einem anderen. Von einer Glühbirne strahlt der Davidstern. Ein "Mazel Tov Golf Ball Set" - da schau her. All das und einiger mitunter recht frecher Schnickschnack ist via Internet zu haben und ab 29. Mai im Jüdischen Museum Hohenems zu sehen. "Jüdischer Kitsch und andere heimliche Leidenschaften", nennt sich die Ausstellung, die flugs die Frage aufwirft, ob man denn in Hohenems eine halbwegs gültige Definition des Kitschbegriffes parat hat.

Hanno Loewy, Leiter des Museums, das das Thema "Sammeln" zum Jahresschwerpunkt auserkoren hat, meint dazu poetisch, "Kitsch ist der Ausdruck jener Sehnsüchte, von denen man weiß, dass man sie wahrscheinlich in diesem Leben nicht mehr 100-prozentig erfüllen wird können." Den weit verbreiteten negativen Beigeschmack von Kitsch bezeichnet der Kulturwissenschafter als alten Diskurs: "Natürlich hat Kitsch diesen Beigeschmack, aber ich denke, es gibt mittlerweile auch so viele positive Bekenntnisse zum Kitsch, dass das Ganze zu einem offenen Diskurs wurde. Kitsch reicht doch von bierernsten Dingen bis hin zu ironischen Objekten."

Sammel-Leidenschaften

So weit, so gut. Warum aber manche Menschen Dinge wie venezianische Minigondeln, Hula-Püppchen oder gläserne Elefanten gleich anhäufen müssen, ist eine andere Geschichte. Loewy, der vor gut einem Jahr aus Frankfurt kam, wo er ein Holocaust-Institut aufgebaut hatte, sieht den Ursprung des Sammelbedürfnisses in einer kindlichen Leidenschaft und zitiert aus Pippi Langstrumpf: "Pippi ist eine Sachensucherin. Und wie sie suchen Menschen nach Gegenständen, die für mehr stehen, als sie sind, und eine sinnliche Qualität haben. Davon bleibt auch in den Erwachsenen etwas übrig."

Den Besucher der Schau dürfte nun beschäftigen, warum ausgerechnet die jüdische Welt eine derart ausgeprägte Vielfalt an Krimskrams hervorbringt. Loewy dazu: "Das Jüdische hat eine besondere Beziehung zu Kitsch, dem eine bestimmte Ironie innewohnt. Es gibt im Internet ein gigantisches Angebot, und das Web stellt das ideale Medium einer Diaspora dar. Die reiche Objekttradition im Judentum kommt diesem weltweiten Handel natürlich sehr entgegen. Dabei dreht es sich nicht nur um Alltagsobjekte. In diesen Dingen treffen sich Religion, Kultur, Alltag und Identität. Das hängt auch damit zusammen, dass das Judentum sehr viele Rituale kennt, die zu Hause stattfinden und für die man verschiedenste Gerätschaften benötigt. Die Christen feiern Weihnachten zwar auch daheim, aber was da stattfindet, ist nicht besonders religiös, dafür geht man dann zur Mette in die Kirche. Darin liegt sicher ein Unterschied. Religiöse Juden brauchen einfach eine ganze Menge Dinge, die rituelle und praktische Bedeutung haben und seit jeher reich verziert wurden."

Nicht gerade zimperlich

Mag schon sein, nur im Gegensatz zu einem reich verzierten Leuchter stellt ein T-Shirt mit dem Aufdruck "Happy fucking Hanukah" oder ein Körperpflegeset à la "33 % more Putz - Guilt free moisturizer - Eau de Gefilte Fish" einen nicht gerade zimperlichen Umgang mit jüdischer Kultur dar. Schnappen jüdische Zeitgenossen weniger schnell ein? Sind Katholiken, Muslime oder Hindus die größeren Mimöschen?

Hanno Loewy denkt auch, dass eine ähnliche Herangehensweise in der Welt der christlichen Symbole weitaus eher als Provokation empfunden würde: "Ich war gestern beim Rabbi von St. Gallen, und als er den jüdischen Troll auf dem Plakat sah, hat er nur herzlich gelacht. Ich denke, das liegt daran, dass die gezeigten Objekte aus Religion und Folklore bestehen. Sie sind Kultur und ironisierbar, ohne dass man sich in eine heftige Opposition begeben muss. Die Spannweite, die dadurch entsteht, lässt auch einen spielerischen Zugang zu. Ich vermute, im Christentum funktioniert dies deshalb nicht, weil das Christentum kein Volk ist. Es gibt eine österreichische, schweizerische usw. Kultur und daneben das Christentum, den Protestantismus usw. Anders gesagt, wenn ich als Pole Folklore-Püppchen sammle, haben die keine rituelle Bedeutung. Der erwähnte Troll ist ein religiöses Objekt durch Kippa und Schal, ein israelisches Souvenir, ein Diaspora- und ein Sammelobjekt. Das schafft Bewegungsspielraum für Ironie."

Die Schau wird aber nicht zur Verkaufsausstellung...

... kuriosester Kitschobjekte. Zu sehen gibt's auch ein satirisches Überraschungsprojekt der Berliner Künstlerin Anna Adam, die Klischees vom Judentum auf die Schliche kommen will und das sich - so die noch spärliche Info - sehen, fühlen, lesen, schmecken und hören lässt. Der Frankfurter Fotograf Peter Loewy unternahm Streifzüge durch Wohnungen und zeigt eine magische Landschaft des Privaten, indem er Nippes, Kunsthandwerk und allerlei Ritualgegenstände fotografierte, und Michael Wuliger, ebenfalls am Konzept der Ausstellung beteiligt, präsentiert seinen Streifzug "Shlock Shop", einen Über- blick in Sachen jüdische Sammelob- jekte aus aller Welt, der seit vier Jah- ren auch jede Woche in der Jüdischen Allgemeinen Wochenzeitung publiziert und erweitert wird.

Wer nun ins Grübeln darüber gerät, wie andere Weltreligionen mit Kitsch umgehen, dem sei ein Satz aus einem Text von Michael Wuliger gesagt: "Liebe Christen, falls Sie jetzt kichern oder gar hämisch lachen sollten: . . . wer unter Euch ohne Kitsch ist, der werfe die erste Herz-Jesu-Gipsstatue!"
(Michael Hausenblas/Der Standard/rondo/27/05/2005)

"Jüdischer Kitsch und andere heimliche Leidenschaften". Jüdisches Museum Hohenems
Schweizer Straße 5
6845 Hohenems
29. Mai bis 8. Oktober 2005
Infos: Tel.: 05576 / 73989-0
Jüdisches Museum Hohenems
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