Die Trachten-Guerilla

26. Juli 2005, 11:50
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Bis nach Hollywood führt der Gipfelsturm des Modelabels Sisi Wasabi. Ausgerechnet im Berliner Flachland wird österreichische Tracht szenefähig aufpoliert

Es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis die ersten Filmdivas in Sisi-Wasabi-Abendroben und mit viel Charivari behängt über die roten Teppiche von Los Angeles laufen. Denn H. Lorenzo, zur Zeit das Mode-Mekka der Stars in Hollywood, hat für den Herbst geordert - Alpenglühen am Sunset Boulevard!

Doch die Designerinnen Carolin Sinemus (29) und Zerlina von dem Bussche (25) können sich schon jetzt kaum noch vor Bestellungen retten: Ob Lodenfrey in München, Ciolina in Gstaad und Bern, die Boutique im First-Class-Hotel Madlein in Ischgl, Läden in Paris, London, Athen, Cortina d'Ampezzo - alle wollen mehr Sisi Wasabi. Die Armee-Jacken mit Puffärmeln und Eichenlaubpaspeln oder die Hot Pants mit Hirschgeweih-Stickerei gehen weg wie warme Semmeln. Selbst in Berliner Underground-Clubs sind die ersten Fashion Victims auf den Hirsch gekommen. Was ungefähr so bizarr ist, als würden die DJs dort die "Kastelruther Spatzen" spielen. Denn "Trachten" - das klingt für die meisten eher nach "Musikantenstadl" und almseligen Erotik-Streifen aus den 70er-Jahren. Also spießig bis ins Mark. Bis jetzt.

Die Tracht entstauben

"Wir wollen das Image der Tracht entstauben", sagt Zerlina. "Und zeigen, wie szenetauglich sie mit Streetwear kombiniert werden kann", fügt Carolin hinzu. So zaubern sie einen ganz unverkennbaren Look jenseits vom alten Schunkel-Schick: Statt mit dem typischen Loden arbeiten sie lieber mit derben Armee-Stoffen oder dem edlen französischen Toile de Jouy - heraus kommen überraschend andere Janker, Mäntel oder Mini-Röcke, die besonders durch perfekte Passform und aufwändige Verarbeitung der Figur der Trägerin schmeicheln. Fusion-Fashion, die cool und verspielt zugleich ist. "Tradition ist die Weitergabe des Feuers und nicht die Anbetung der Asche", zitieren die zwei auf ihrer Website Gustav Mahler. "Klotzen, nicht kleckern" war das zweite Credo der beiden, als sie sich genau vor einem Jahr in ein Landhaus in der Steiermark zurückzogen, um die erste Kollektion zu zeichnen. Während sich die meisten Jung-Designer die ersten Sporen in provisorischen Ateliers hinter surrenden Nähmaschinen und mit Blasen an den Fingern verdienen, zogen Carolin und Zerlina ihr Label gleich ganz professionell auf. Berufserfahrung hatten sie zuvor bei Diesel und im PR-Geschäft gesammelt.

Die Tracht mit Respekt behandeln

"Wir behandeln die Tracht mit großem Respekt", erklärt Carolin. "Und dazu gehört auch die qualitativ hochwertige Verarbeitung. Zerfranste und schiefe Nähte dürfen da nicht sein." Ein befreundeter Modefotograf setzte die Kleidung in einem Hochglanz-Katalog in Szene - gratis. Weil er von der Idee der beiden sofort überzeugt war. Genauso wie die internationalen Einkäufer, die Sisi Wasabi vergangenes Jahr im Sommer zum ersten Mal auf der Berliner Modemesse "Premium" und später auf der Londoner "Pure" und der Salzburger "Country Classic" sahen: Am Ende der Messesaison hatte Sisi Wasabi auf Anhieb in fünf Länder verkauft. "Wir haben immer darauf geachtet, dass wir uns im exklusiven Segment bewegen. Wir wollen neben Balenciaga, Clemens Ribeiro und Lanvin hängen, nicht neben irgendwem."

Und als sie dann im Herbst auch noch den renommierten "Moët & Chandon Fashion Award" gewannen, konnten sie endlich auch die traumhaften Abendroben produzieren, die von Top-Models wie Eva Padberg oder der neuen Lagerfeld-Muse Marlene Landauer präsentiert wurden.

Und so sitzen die beiden Shooting-Stars heute nicht mehr in ihrer zum Atelier umgebauten Küche, sondern in einer großen, lichtdurchfluteten Remise im Berliner In-Bezirk Mitte. Unten der Showroom, Zuschneideraum und Küche, oben Lager und Büro. Bei einem Latte Macchiato schauen sich die beiden, die erst vor drei Jahren ihren Abschluss an der Berliner ESMOD-Modeschule machten, immer noch ein bisschen staunend in ihrem Reich um. Sie denken daran, mehr Leute einzustellen - denn noch so ein arbeitsreiches Jahr ohne Wochenenden wollen sie sich nicht mehr unbedingt zumuten.

Die Tracht mehr als eine Schnapsidee

Besonders für die gebürtige Westfälin Carolin waren Trachten ein Leben lang mehr als nur eine Schnapsidee. Ihr erstes, heiß geliebtes Dirndl bekam sie zur Einschulung. Schon damals hatten ihre Eltern ein Ferienhaus in der Steiermark, heute leben sie sogar ganz in Österreich. Die Bergwelt, Heidi und natürlich die Sisi-Filme - das sind die Bilder, die ihre modischen Fantasien bis heute nähren. Sie sammelt mit Stolz alte Trachtenhüte und trägt um ihre Diesel-Jeans Hüftketten mit Halali-Nippes: Keilerzähne, silberne Mini-Eber und kleine Gamsbärte. "Ich bin einfach ziemlich trachtig", sagt sie fast trotzig. "Während ich als Nordlicht mit der nötigen Distanz an die Sache herangehe", führt Zerlina weiter aus. "Aber genau das macht unsere Mischung aus." Süß wie Sisi und scharf wie Wasabi, die japanische Kren-Paste, die zum Sushi gereicht wird.

Die wird auch wieder mit im Gepäck sein, wenn sie sich im Sommer ins elterliche Haus in der Steiermark mit Blick auf die Weinberge zurückziehen, um die nächste Kollektion zu entwerfen. So ganz ohne die Berge kann Sisi Wasabi nämlich auch nicht leben. (Der Standard/rondo/27/05/2005)

Von Silke Bender
  • Carolin Sinemus und Zerlina von dem Busche huldigen der Fusion-Fashion.
    foto: ingo robin

    Carolin Sinemus und Zerlina von dem Busche huldigen der Fusion-Fashion.

  • Beispiel für die Herbst/Winterkollektion 05
    foto: ingo robin

    Beispiel für die Herbst/Winterkollektion 05

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