Pressestimmen: "Wo waren Sie, als Rot-Grün unterging?"

27. Mai 2005, 14:31
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Deutsche Medien über Schröder und die Folgen

Nach den Schnellschüssen der Polit-Kommentatoren rückte am Tag 2 nach dem SPD-Debakel in Nordrhein-Westfalen das deutsche Feuilleton zur Standortbestimmung aus. Kapitel 1: In der "Süddeutschen" kürt der Soziologe Heinz Bude Kanzler Schröder zum "Condottiere", der sich mit seinem Neuwahl-Coup als wahrer "Politvirtuose" und "Schüler Machiavellis" erwiesen habe:

Dieses eine Mal war die Politik allen Kommentatoren voraus, kraft ihrer Einsicht in die eigene Lage. Es war zu studieren, wie ein Schachzug aus politischer Leidenschaft das gesamte eingespielte Kalkül der Berücksichtigung politischer Interessen aus den Angeln hebt. Nicht der politische Unternehmer, der wie alle anderen nur an sich und seinen Vorteil denkt, sondern der politische Virtuose, der sich an Fortuna misst, war der Sieger des Abends - und zwar ein politischer Virtuose, der an einem noch so unwahrscheinlichen Ausweg aus einer hoffnungslosen Lage mehr interessiert war als an einem Erfolg für seine Partei. (...) Auch das Land könne nach Meinung des Autors aus der derzeitigen Situation nur profitieren, denn:

(...) was auch immer zur Wahl steht und wie auch immer die Entscheidung am Ende ausgeht, bereits die Vorziehung des Wahltermins wird im Lande einen Knoten lösen und eine Bresche schlagen. Schon dafür wird das Wahlvolk Schröder dankbar sein. Endlich passiert was, endlich wird was aufs Spiel gesetzt, endlich dauert nicht mehr alles.

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Weniger euphorisch in der Diktion, aber inhaltlich ähnlich ein Befund von "FAZ"-Herausgeber Frank Schirrmacher über das Ende der "Stimmungsdemokratie":

Unsere Lage ist dadurch gekennzeichnet, dass jetzt jeder einzelne Kassensturz machen wird, und zwar an erster Stelle gerade jene kapitalismusfeindlichen bürgerlichen Schichten, die über Jahrzehnte bei guter materieller Grundversorgung ideologisch oder ästhetisch, am Ende wohl nur noch ästhetisch wählten.

Der lange Lauf der Wähler zu sich selbst endet nun bei ihren eigenen materiellen Interessen. Sie werden bewaffnet mit Papier und Bleistift buchstäblich ausrechnen, welche Regierung sie sich leisten können.

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Mit der im Titel zitierten Frage befasste die Berliner "taz" deutsche Künstler und Intellektuelle und erhielt unter anderem folgende Auskünfte: Persönlich habe ich schon auch einen ganz schönen Bratz auf die Grünen und auf die SPD. Die haben sich da unten einiges geleistet. Die Filmförderung haben sie komplett vernachlässigt, und die Innenstädte ... Oberhausen zum Beispiel ist ein Loch geworden, das Zentrum ist total verödet, dafür haben sie dahinter ein riesiges Einkaufszentrum hochgezogen, in dem es aber auch nur Ramsch zu kaufen gibt. Ich persönlich habe tief in mir drin das Gefühl, dass es den Leuten da ganz gut tut, dass sie mal die CDU ausprobieren können.

Die Nachricht, dass es jetzt plötzlich Neuwahlen geben soll, hat mich nicht sonderlich aufgewühlt. Aber spannend ist das schon, wie Schröder und auch die CDU-Kollegen jetzt versuchen, ihre Köpfe zu retten. Dieses Gerede von Verantwortung und Wählerwillen, das ist doch alles Geschwätz. Die großen Parteien hatten alle schon ihre Wahlplakate in der Schublade und rasen mit der Dampfwalze los, um das noch schnell unter sich auszumachen. Dabei müsste es genau jetzt die Chance geben, dass sich neue Parteien gründen. Aber bis zum Herbst reicht die Zeit nicht mehr. (Christoph Schlingensief, 45, Theaterregisseur)

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Nein, keiner sank mit einem Schrei der Verzweiflung zu Boden, als das ZDF via Satellit die erste Hochrechnung über die Alpen schickte. Es war gekommen, wie es hatte kommen müssen. Unsere Stimmung? So glattgebürstet wie die Frisur der schönen Frau Gerster und das intelligente Konfirmandengesicht ihres gut gelaunten Kollegen Seibert. Wir merkten erst auf, als Müntefering mit einer preiswürdigen Parodie der Leichenbittermiene die Neuwahl des Bundestages für den Herbst ankündigte. Kleiner Seufzer der Dankbarkeit: Damit könnten wir die Kapitalismusdebatte los sein, mit der uns der sauertöpfischste aller Sauerländer seit Wochen zermürbt hat: als eine Art Archäologe des Sozialismus, dem in der Krise nichts anderes einfiel, als die Knochen der Steinzeit-SPD auszugraben, die seit dem Ende der Fünfzigerjahre im Schatten der Godesburg verscharrt waren. Strafe muss sein ... (Klaus Harpprecht, 78, Publizist und Autor) (DER STANDARD, Printausgabe, 25./26.5.2005)

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