Oberstopf und weiße Handschuhe

31. Mai 2005, 12:28
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Die zweite Auktionswoche im Wiener Dorotheum steht vor der Tür - Im Angebot auch die Kunstsammlung des Chirurgen und Dozenten Lill

Und abseits der klassischen Sparten-Angebote versteigert das Wiener Dorotheum - in mehreren Sitzungen - die Kunstsammlung des 2004 verstorbenen Chirurgen und Dozenten Heinrich Lill


Wien - Genauigkeit und Präzision, beides Voraussetzungen für seinen Beruf, spiegelten sich auch in der Kunstsammlung Heinrich Lills, die ab 31. Mai 2005 in sechs der acht Sitzungen umfassenden Auktionswoche unter den Hammer kommt. Bei allem Facettenreichtum ist artifizieller Patriotismus der rote Faden. Sämtliche Objekte der Kollektion des Chirurgen und Dozenten an der Confraternität Wien stammen von österreichischen Künstlern. Nur die Armbanduhrkollektion, über deren Aufziehen ihr Besitzer Buch führte, sind Schweizer Fabrikate, etwa Patek Philippe oder Lange & Söhne.

Beim Betrachten seiner vielen Schätze trug Lill immer weiße Baumwollhandschuhe. Damit griff er wohl zu seinen acht Klimt-Zeichnungen, also auch jenem stehenden Akt nach Rechts (1911), den sein Vater zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts für 20 Schilling von Georg Klimt erworben hatte und der nun für 12.000 bis 16.000 Euro den Besitzer wechseln wird. Im Laufe der Zeit wurde aus den einzelnen Erbstücken eine ganze Kollektion, Lill erweiterte sie um bedeutende Vertreter der heimischen Kunst des 19. und vor allem 20. Jahrhunderts, von Schiele über Boeckl und Kokoschka bis hin zu Lassnig und Rainer.

Der klassische Akt bildet einen motivischen Schwerpunkt, vom 450.000 bis 500.000 Euro schweren Schiele-Blatt Weiblicher Akt mit violetten Strümpfen (1910) und Herbert Boeckl (Liegender weiblicher Akt von 1920, 22.000-32.000 €) bis zu Studien von Fritz Wotruba oder Arnulf Rainers Frühwerk Fensterfrau von 1948 (24.000-35.000 €). Fast konservativ wirkt dagegen Ferdinand Georg Waldmüllers Ausflug in den Wiener Prater. Alte Bäume im Prater entstand um 1831 (50.000-70.000 €) und wird im Rahmen der Auktion Ölgemälde und Aquarelle des 19. Jahrhunderts versteigert, die auch andere stimmungsvolle Natureinblicke bereithält: Etwa Robert Russ' Morgenstimmung im Wienerwald von 1895 (18.000-25.000 €) oder Olga Wisinger-Florians Blick in den in Sonnenlicht getauchten und von Hühnern bevölkerten Hintergarten bei Unterkritzendorf (65.000 bis 75.000 €).

Zurück zu den weißen Baumwollhandschuhen, mit denen Lill kunstgewerbliche Schätze aus seinen dicht befüllten Vitrinen barg: Eine Biedermeier-Spieldose aus Silber um 1824 (2000-3000 €) etwa, oder ein Paar Lemberger Empire-Gewürzschälchen (600 bis 800 €) ebenso wie den hochkarätigen Wiener Renaissance-Kokosnusspokal, wohl um 1580 entstanden (20.000 bis 28.000 €). Eines der bevorzugten Lill'schen Sammelgebiete war die Frühzeit der Wiener Porzellanmanufaktur, die so genannte Du-Paquier-Epoche: Zu den besonderen Stücken zählt hier neben einer um 1725/30 ausgeführten Teekanne mit einem Frosch als Deckelknauf (10.000-20.000 €) ein Oberstopf mit Chinoiserien (7000-12.000 €).

Laut Experten ist dieser ein Beispiel gelungener Werkspionage, die bauchige Form mit den drei Tatzenfüßchen gab es in Meißen nämlich bereits um 1712/15. Mit einem kleinen Überraschungseffekt an der Deckelinnenseite wartet eine Tabatière auf (7000 bis 12.000 €). Sie ist mit feinen Laub- und Bandelwerkdekor bemalt, der zu seiner Zeit in jedem namhaften Palais der Residenzstadt in ähnlicher Weise die Stuckdecken, aber auch Möbel und Silber zierte.

Erst im Material Porzellan war allerdings die leuchtende Farbigkeit mit ihren für Du Paquier charakteristischen hellen Purpur-, Eisenrot- und Blautönen möglich. (DER STANDARD, Printausgabe, 25./26.05.2005)

Von Olga Kronsteiner
  • Günstiges Grundstück: Gemessen an den Quadratmeterpreisen - bis zu 250 Euro für eine gute Lage in Kritzendorf - ist dieses Werk von Olga Wisinger-Florian eine wahre Mezzie.
    foto: dorotheum

    Günstiges Grundstück: Gemessen an den Quadratmeterpreisen - bis zu 250 Euro für eine gute Lage in Kritzendorf - ist dieses Werk von Olga Wisinger-Florian eine wahre Mezzie.

  • Frosch als Knauf: Die Du-Paquier-Teekanne aus der Sammlung Lill wird im Dorotheum für 10.000 bis 20.000 Euro den Besitzer wechseln.
    foto: dorotheum

    Frosch als Knauf: Die Du-Paquier-Teekanne aus der Sammlung Lill wird im Dorotheum für 10.000 bis 20.000 Euro den Besitzer wechseln.

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