"Das Limit meiner Fähigkeiten"

24. Mai 2005, 18:47
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Der Gemeinschaftsfilm "Über die Grenze" wirft dokumentarische Blicke in Grenzregionen

Wien - Den Zusammenhalt für filmische Gemeinschaftsprojekte liefert häufig ein gemeinsames Thema. Und häufig rückt das Gemeinsame angesichts der individuell gefertigten Einzelteile wieder in den Hintergrund, ziehen diese eher als solche Aufmerksamkeit auf sich, als dass sie von Film zu Film Verdichtung schaffen würden.

Mit Über die Grenze. Fünf Ansichten von Nachbarn ist nun eine solche Unternehmung, initiiert von der Wiener Geyrhalter-Film in den heimischen Kinos angelaufen. Vier Filmschaffende aus Polen, Tschechien, der Slowakei, Ungarn und Slowenien haben sich dafür in je einem kurzen Film mit der Grenze und Fragen nach nationaler Identität, nach Abgrenzung und Öffnung beschäftigt.

"Meine Grenze ist das Limit meiner Fähigkeiten", sagt einer im tschechischen Beitrag. Auch Filmarbeit unterliegt äußeren Begrenzungen, nicht zuletzt jenen, die eine Länge von je 25 Minuten vorgibt. Am gelungensten scheinen denn auch jene Episoden, in denen der Faktor Zeit buchstäblich mitspielt, auch vermeintliche Nebensächlichkeiten Raum erhalten.

Biljana Cakic-Veselic etwa setzt in Choreographie auf See gekonnt den Arbeitstag zweier slowenischer Fischer und die damit einher gehenden Leerläufe in Szene. Darüber hinaus bringt sie Informationen über die politischen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen ein, die ihrerseits in der Praxis der Fischer für paradoxe Pattstellungen sorgen.

Grenzverletzung

Die Grenze ist hier bloß als scharf gezogene Linie am Radarschirm sichtbar - aber wenn sie ihr Boot auf offener See zur Heimfahrt wenden, dann geraten die Fischer nicht selten unerlaubterweise in fremde Gewässer. Pawel Lozinski (Zwischen den Toren) beschreibt dagegen eine Verlangsamung des Alltags, die mit dem Alter seiner Protagonisten zusammenhängt, einer Hand voll Dorfbewohner über achtzig, die mit einigen Mühen ihr Leben bewältigen. Dass sich dieses in der deutsch-polnischen Grenzregion abspielt, scheint dabei zunehmend irrelevant.

Anderes bleibt, verknappt und verkürzt, in der Belanglosigkeit, es wirkt allzu ungelenk oder es sprengt schlicht den Rahmen. So böte Peter Kerekes' Die Helfer Stoff für eine ausführlichere Behandlung: Der Titel entpuppt sich schnell als euphemistische Bezeichnung für jene Grenzschützer, die die staatlichen Behörden der CSSR aus der Bevölkerung rekrutierten. Zwischen kurzen Gesprächen, dem Nachstellen der einstigen Routinen und Archivaufnahmen wirft sein Film mehr Fragen auf, als er in der Kürze beantworten kann. (DER STANDARD, Printausgabe, 25./26.05.2005)

Von Isabella Reicher
  • Artikelbild
    foto: geyrhalter-film
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