Die Angst der Arbeiter und der Bauern

29. Mai 2005, 08:09
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Frankreichs Globalisierungskritiker gehen vor dem EU-Referendum auf Tuchfühlung zu den Bürgern

Der Vorort wirkt grau und abgewirtschaftet, die Anfahrt führt über eine frisch asphaltierter Straße mit hübschen Grasnarben und hohen Leitplanken. "Haben Sie gemerkt, dass Sie auf der Piste der Rennstrecke gefahren sind?", schmunzelt ein Vertreter der Kommunistischen Partei und erzählt dem auswärtigen Besucher, dass im Juni wieder die "24 Stunden von Le Mans" anstünden. "Dann wird es hier wieder ein paar Tage lang von befristet Angestellten aus Osteuropa wimmeln."

Das Motto des Abends ist damit vorgegeben. Die linken Gegner der EU-Verfassung halten im Südosten von Le Mans eine ihrer zahllosen Abstimmungsveranstaltungen ab. Während die Befürworter und Regierungsvertreter im Fernsehen hohle Europaphrasen dreschen und sich auf einige aufwändig inszenierte Großanlässe konzentrieren, gehen Kommunisten und Globalisierungskritiker in ganz Frankreich auf Tuchfühlung zu den Bürgern.

Der Gemeindesaal am Rande der Autorennbahn ist voll von Besuchern. Nach dem obligaten Einführungsfilm der Antiglobalisierungsorganisation Attac über die "ultraliberale" EU-Verfassung geht es nicht um hohe Politik, sondern um den Alltag der 150.000 Einwohner von Le Mans, zwei Autostunden westlich von Paris.

Auf eine entsprechende Frage erzählt der regionale KP- Sekretär von einem neuen Fall, der im hiesigen Département Sarthe für Aufregung sorgt. Ein Unternehmer kaufte das Schloss Yvré-l'Evêque, um es in ein Hotel zu umzubauen. Für die Renovierung griff er nicht auf lokale Arbeiter zurück, sondern heuerte ein paar "fleißige" Polen an, wie er sagte. Er ließ sie jede Woche 54 Stunden lang (inklusive Samstag) schuften, obwohl die legale Wochenarbeitszeit in Frankreich 35 Stunden beträgt. Als Monatslohn zahlte er ihnen 812 Euro nach polnischem Arbeitsrecht. Auch wenn er ihnen am Samstag noch 50 Euro "zum Einkaufen" dazugab, zahlte er damit nicht einmal drei Viertel des französischen Mindestlohnes.

"Dieses Vorgehen entspricht genau dem Geist der europäischen Verfassung und der damit einhergehenden Marktöffnungen wie etwa in der Bolkestein-Direktive", folgert der kommunistische Lokalpolitiker. Ihm zufolge hat die EU-Osterweiterung zahlreiche negative Folgen für Le Mans. Renault etwa habe in der ortsansässigen Auto- und Lkw-Fabrik in den letzten Jahren tausende Arbeitsplätze abgebaut oder nach Rumänien und anderswo verlagert.

Es ließe sich entgegnen, dass die osteuropäischen Fabriken von Renault oder Peugeot auch Frankreich zugute kommen, weil dort nach wie vor Getriebe- und andere Teile für diese Montagewerke produziert werden. Es ließe sich auch einwenden, der neue Schlossbesitzer von Le Mans habe zuerst französische Arbeiter gesucht, doch habe keine Lokalfirma den Abschluss der Renovierungsarbeiten in sechs Monaten garantieren wollen. Oder man könnte bedauern, dass die EU offenbar generell als Sündenbock für die globalen Markt-und Grenzöffnungen herhalten muss.

Doch an dem Wahlabend ist niemand da, solche Argumente zu verteidigen. "Das ist nicht unser Fehler", meint die städtische Sekretärin von Attac. "Wir haben in den Pariser Parteizentralen angefragt, ob sie uns Verfassungsbefürworter für Streitgespräche schicken könnten, aber es kam niemand".

Ein Vertreter der Kommunistisch-revolutionären Liga ereifert sich: "Ihr seht ja selbst, wie das lokale Spital sein Budget kürzen muss und wie Bildung privatisiert wird. Das ist das Werk der EU, die nicht nur die Wirtschaft, sondern die ganze Gesellschaft dem Markt unterwerfen will."

Das stimme auch für die Landwirtschaft, fügt ein Biobauer der Gewerkschaft Confédération Paysanne an. Seine eigene Frau müsse wieder mit anpacken, damit der Hof überlebe. "Die EU-Verfassung erweitert den Agrarmarkt nach Osteuropa, ohne die riesigen Produktions- und Standortunterschiede zu berücksichtigen."

Dieser Wettbewerb bringe die französischen Bauern an den Rand des Ruins: "Es stimmt, bisher haben sie von den Subventionen aus Brüssel voll profitiert. Wenn sie jetzt gegen die europäische Verfassung sind, lässt sich wohl ersehen, wie groß die Angst vor der EU-Konkurrenz heute ist."

Angst vor der EU-Konkurrenz: Das klingt wie ein Schlusswort, und die Besucher gehen mit dem Gefühl auseinander, dass man dem Treiben Brüssels endlich einen Riegel schieben muss. Auf der Rückfahrt über die Südkurve der Rennstrecke erscheint im Scheinwerferlicht ein geparkter Lieferwagen mit fremdem Nummernschild. Sicher aus Polen. (DER STANDARD, Print, 25./26.5.2005)

Stefan Brändle aus Le Mans
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    In Frankreich verbinden Verfassungsgegner wie der Rechtsextremist Bruno Mégret ihr Nein auch mit einer Absage an einen EU-Beitritt der Türkei.

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