Glanz der Gefühlsmesse

24. Mai 2005, 18:28
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Orchestra Sinfonica di Milano Giuseppe Verdi im Konzerthaus

Wien - Endlich mal wieder: ein Konzert, bei dem man von der ersten bis zur letzten Sekunde dran war und drin war. Das Podium mit den vielen Musikern ein kraft- und machtvoller Aufmerksamkeitsmagnet, ein lebendiger, strahlkräftiger Gefühlserzeuger - Gefühle, an denen man sich laben konnte so warm und innig, sogar die allerleidvollsten. Der Körper saß nach dem Konzert in der Bim, die Seele aber noch lange im Konzertsaal, gewärmt, gefühlsbalsamiert von den gerade gehörten Klängen.

Das Orchestra Sinfonica di Milano Giuseppe Verdi - ein erst 1993 gegründeter Klangkörper - hatte zusammen mit dem gleichnamigen Chor Verdis Messa da Requiem gegeben, unter der glutvollen, umsichtigen Leitung des Musikdirektors Riccardo Chailly. Eigentlich hätte das Konzert im Zyklus "Oper konzertant" geführt werden müssen, ist Verdis im Gedenken an Alessandro Manzoni entstandene Totenmesse doch ein einziges großes Stück Musiktheater.

Allergrößte Oper

Und der herausragende Abend war auch in jedem Augenblick große, allergrößte Oper - von einer Intensität, Stimmigkeit und Virtuosität, wie man es bei der eigentlich dafür zuständigen hiesigen Institution, der Wiener Staatsoper, nur alle Jubeljahre zu hören bekommt.

Frisch, intensiv, menschlich flehte, litt und zürnte der Chor, frei von perfektionistischer Glätte und einer Tendenz zur Manieriertheit, wie sie bei hiesigen Spitzenchören dann und wann zu bemerken sind; das Verdi-Orchester spornte Chailly zu dynamischer Frische an. Carlo Colombara (Bass) stütze das Solistenquartett mit machtvoller Schärfe, Massimo Giordano (Tenor) - kurzfristigst für den erkrankten Joseph Calleja eingesprungen - bot sanfte Heldenhaftigkeit und María José Montiel (Alt) glutvolle, fast männliche Tiefe und große dynamische Variabilität.

Fiorenza Cedolins, dem alles überstrahlenden Juwel des Ensembles, hätte man noch bis ans Lebensende und darüber hinaus zuhören wollen: Die Sopranistin sang so souverän und schön, wie man es nicht für möglich hielt. Seit ihrem Gewinn des Pavarotti-Wettbewerbs 1996 gastierte sie auf allen großen Bühnen der Welt, nun gab sie nun endlich ihr Wiener Operndebüt. (DER STANDARD, Printausgabe, 25./26.05.2005)

Von Stefan Ender
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