Wenn Bürgermeister leiden

6. April 2000, 21:46

Zwei Frauen auf dem Weg an die Gemeindespitze (im Bild Maria Zerlauth)

Sie sind engagiert, kompetent, hartnäckig und haben ein klares Ziel. Mechtild Bawart aus Weiler (Bezirk Feldkirch) und Maria Zerlauth (Bludesch/Bezirk Bludenz) möchten Bürgermeisterin werden. Den ersten Durchgang der Direktwahl haben sie am 2. April mit Bravour geschafft. Am Palmsonntag ist Stichwahl. Die herausgeforderten „Gemeindeväter“ reagieren wehleidig.

„Sie hat ihre Möglichkeiten ausgeschöpft“, Erich Walter (65), seit 15 Jahren Bürgermeister von Bludesch-Gais hat keine Zweifel, wer am Palmsonntag die Stichwahl gewinnen wird. „Mir fehlen nur 30 Stimmen, sie müsste 185 zulegen.“

Die namenlose Sie ist Magistra Maria Zerlauth, 42-jährige Biologielehrerin, allein erziehende Mutter einer Tochter, Gemeinderätin des „Arbeitskreis Lebenswert“. Fast 33 Prozent der 1238 Bludescherinnen und Bludescher haben die seit Jahren in Bürgerinitiativen und der Gemeindepolitik aktive Frau im ersten Durchgang gewählt. Ihre (grünnahe) bunte Liste wurde mit 31 Prozent zweitstärkste Fraktion hinter des Bürgermeisters Freier Wählerschaft.

Da versteht der parteifreie Bürgermeister die Welt nicht mehr: „Wir haben doch hervorragende Politik gemacht.“ Geändert habe sich auch einiges. Junge hätte er nun auf seiner Liste, zwei Frauen unter den ersten acht, damit sei die Quote erfüllt. Und trotzdem: „Alle haben verloren, gewonnen haben nur die, die immer gegen alles sind“. Erich Walter analysiert die WählerInnen-Seele: „Die Leute wollen alles, Kindergärten, soziale Einrichtungen - nur kosten soll es nix.“ Dann, so einfach ist das, „wählen sie halt die, die sagen, die Gemeinde gibt unnötig Geld aus“.

„Das Verhindererargument zieht längst nicht mehr, auch nicht die Verleumdungstaktik“, weiß Maria Zerlauth. Sie führt das Wahlergebnis auf die konsequente und harte Arbeit der letzten Jahre zurück. Regelmäßige Informationspolitik habe dazu geführt, das der Kreis kritischer WählerInnen beständig wachse. Der Erfolg ist für die Kommunalpolitikerin auch Bestätigung ihres Arbeitsstils: „Der Bürgermeister glaubt zu wissen, was für die Menschen gut ist. Er entscheidet von oben herab. Ich rede mit den Menschen, frage sie.“ Die Bürgerinnen und Bürger umfassend zu informieren und in Entscheidungen einzubinden, ist eines der Hauptziele von Maria Zerlauth.

Was sie noch von der üblichen Art, Kommunalpolitik zu machen, unterscheidet: „Mir geht es weniger um punktuelle Aktionen, ich möchte die Gesamtentwicklung der Gemeinde im Auge behalten“. Für die Stichwahl rechnet sich Maria Zerlauth „realistische Chancen“ aus.

Sollte sie verlieren, spekuliert man im Dorf, könnte sie ja Vize-Bürgermeisterin werden. „Mit der Vorstellung starker Mann im Vordergrund und hinter ihm die Frau, die arbeitet“, mag sich Maria Zerlauth aber nicht anfreunden.

Ich bin kompetent genug

Mechtild Bawart (VP) geht in Weiler mit einem Vorsprung von zwei Prozentpunkten in die Stichwahl. Ihr Slogan: „Dynamisch - menschlich - kompetent“. Nach all den Lehrjahren will sie die erworbene Kompetenz auch umsetzen. Sie stellt im 1500-Menschen -Dorf die Machtfrage. „Wir Frauen machen uns in sozialen und kulturellen Bereichen kompetent. Oft jahrelang. Den Zeitpunkt, die Kompetenzen auch politisch umzusetzen, schieben wir aber oft zu lange hinaus“, Mechtild Bawart hat entschieden: „Ich bin jetzt kompetent genug.“

Die 45-jährige Hauptschullehrerin und dreifache Mutter hat im ersten Durchgang den seit 14 Jahren regierenden Bürgermeister Rudolf Boss (57) überholt. Was der auf fehlende Wahlwerbung zurückführt. Bis zum Palmsonntag will er „noch die eine oder andere Aktion setzen und auf unsere Leistungen hinweisen“. Schließlich sei nicht alles so schlecht, wie die Frau Bawart immer behaupte.

In der Gemeindepolitik mischt Mechtild Bawart seit 1990 mit. Weil Frauen in der Gemeindevertretung nicht sichtbar waren und auch keine Chance hatten, über die bestehenden Listen in den politischen Dorfolymp aufzusteigen, gründete die frauenpolitisch engagierte Lehrerin die erste und bislang auch einzige Frauenliste in Vorarlberg. Ein Mandat wurde erreicht, nach fünf Jahren in der Männerwelt war die Energie der Listenfrauen dahin. Mechtild Bawart integrierte sich in die Bürgermeister-Einheitsliste. Als es schließlich um das Eingemachte, nämlich die Verteilung der Listenplätze ging, kam es zum Zerwürfnis mit dem Boss. Mechtild Bawart wollte einen Spitzenplatz, der Bürgermeister zog Männer vor. Die übergangene Politikerin gründete die „Offene Liste“ und gewann.

Hat Rudolf Boss etwas gegen Frauen in der Politik? „Nein“, sagt er, nur den zweiten Listenplatz, den wollte er nicht hergeben: „Ich wollte ja meinen Gemeindevorstand (Anm. lauter Männer) vorne haben.“ Immerhin habe dann aber auf dem vierten Platz eine Frau kandidiert. Gerne hätte er noch mehr Frauen auf seiner Liste, aber leider fände man nur schwer welche. Was nicht an seiner Fraktion liege, sondern „an den Frauen, die sind nicht bereit“. Und habe man dann endlich eine Frau gefunden, „dann wird sie auch gleich angegriffen.“ Von wem? „Ja von den anderen Frauen.“

Feindseligkeiten dieser Art verspürt Mechtild Bawart nicht. „Ich habe die Frauen so hinter mir, das ist so ein Wahnsinn“, freut sich die Bürgermeister-Kandidatin und gesteht: „Manchmal sag ich gar schon ‘meine Frauen‘.“

Die nächsten Tage wird Mechtild Bawart Hausbesuche machen, „von morgens bis abends“. Mit dabei ihr Programm, das da heißt: Betriebsansiedelungspolitik, mehr Zusammenarbeit mit Nachbargemeinden, Spielplätze, Kinderbetreuung und Jugendeinrichtungen.

Jutta Berger

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